Gabriele Possanner-Förderungspreisträgerin 2003

Dr.in Gabriele Habinger
Ethnologin, Wien


Gabriele Habinger, geboren 1961 in St. Pölten, hat Völkerkunde (Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie) studiert. 2002 promovierte sie in diesem Fach an der Universität Wien. Seit 1993 ist Gabriele Habinger in Forschungsprojekte zur Geschichte der Ethnologie und der ethnologischen Forschung unter besonderer Berücksichtigung der Frauen in diesem Bereich eingebunden. Trotz umfangreicher wissenschaftlicher Tätigkeiten, Forschungsprojekte, Publikationen und Vorträge, hat sie seit 1981 auch berufliche Tätigkeiten im außeruniversitären nichtwissenschaftlichen Bereich geleistet.

 

Die eingereichte Arbeit "Geschlecht, Differenz und Macht der Räume. Diskurse und Repräsentationen von reisenden Europäerinnen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert" überzeugte die Jury durch das differenzierte theoretische Fundament, das der Arbeit eine überzeugende analytische Kraft verleiht, ebenso wie durch die methodische Strategie, die Analyse nicht auf der Ebene der Diskurse und deren Dekonstruktion zu beschränken, sondern auch deren historische Ebene tief zu durch leuchten. Eine breite Literatur- und Quellenbasis bildet dafür das Fundament, wobei die Erschließung vieler dieser historischen Quellen auf Gabriele Habinger selbst zurückgeht. Nicht zuletzt überzeugte die sehr gute sprachliche und damit auch gut lesbare Umsetzung der Ergebnisse die Jury.

 

Hervorgehoben wurde weiters, dass die Arbeit ein Forschungsfeld betrifft, das die Wissenschafterin selbst mit eröffnet hat. Ihre verdiente Pionierinnen-Rolle auch als Herausgeberin zahlreicher historischer Reiseberichte seit vielen Jahren hat eine solide Basis dafür geschaffen. Von der Jury wurde der interdisziplinäre Ansatz unterstrichen, in dem die feministische Sozial- und Kulturanthropologie in befruchtenden, regen Austausch mit der Geschichte, der Literaturgeschichte und den transdisziplinären Gender Studies tritt.

 

Über die ausgezeichnete Arbeit von Gabriele Habinger


GESCHLECHT, DIFFERENZ UND MACHT DER RÄUME.
Diskurse und Repräsentationen von reisenden Europäerinnen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

 

Ausgehend von der These, dass Gender eine wichtige analytische Kategorie darstellt, beleuchtet Gabriele Habinger das Reisen unter einem geschlechtsspezifischen Aspekt. Sie arbeitet die Bedeutung der Konstruktion des "Geschlechtscharakters" und der damit verknüpften "Ordnung der Geschlechter" in der bürgerlichen Gesellschaft heraus. Das Reisen in die außereuropäischen Länder und das darüber Sprechen (Schreiben) steht zunächst im Fokus ihrer Betrachtungen. Davon ausgehend analysiert sie zentrale geschlechterdemokratische Fragen wie geschlechtsspezifische Muster der Raum- und Weltaneignung oder die ungleich verteilten Möglichkeiten, die aus der kulturell definierten Geschlechterdifferenz erwachsen. Die Frage nach dem Zugang spezifischer Räume realer und symbolischer Natur führt zu den gesellschaftlichen Zusammenhängen, die – entlang gesellschaftlich und diskursiv konstruierter Kategorien wie Geschlecht, Rasse und Klasse – gesellschaftlichen Gruppen diesen Zugang verwehren. Habinger positioniert sich als kritische Beobachterin des Materials. Entgegen jener feministischen Rezeption, die aus der Geschichte der reisenden Frauen eine simple Emanzipationsgeschichte ableitet, betont Habinger den Aspekt des unterlegenen Geschlechts der überlegenen "Rasse". Denn es wäre zu kurz gegriffen, sich mit nur mit den Beschränkungen und Grenzüberschreitungen weiblicher Raum- und Weltaneignung auseinander zu setzen und den Beitrag der weißen, westlichen Frauen zu Kolonialismus, Rassismus und Zurschaustellung westlicher Macht zu ignorieren. Durch die Miteinbeziehung der österreichischen Reisenden gelingt der Autorin darüber hinaus eine vielfältige Verflechtung zwischen dem Eigenen und dem Fremden.

 

Aufgrund ihrer kritischen und fundierten Auseinandersetzung mit Ethnizität, Nationalismen und Rassismen ist Gabriele Habingers eingereichte Arbeit von gesellschaftspolitischer Relevanz.