Gabriele Possanner-Staatspreisträgerin 2009

ao. Univ.-Prof. Dr.in Daniela Hammer-Tugendhat,
Kunsthistorikerin Wien

 

Daniela Hammer-Tugendhat, 1946 in Caracas/Venezuela geboren, studierte Kunstgeschichte und Archäologie an den Universitäten Bern und Wien, promovierte 1975 und habilitierte sich 1993 an der Universität Wien. Gastprofessuren und Lehraufträge an den Universitäten Frankfurt/M., Oldenburg, Basel und Salzburg stehen neben einer außerordentlichen Professur für Kunstgeschichte an der Universität für angewandte Kunst, Wien, seit 1998.

Hammer-Tugendhat ist Pionierin der feministischen Kunstgeschichte in Österreich. Seit den 1980er-Jahren hat sie wesentlich dazu beigetragen, dem Fach Kunstgeschichte nicht nur am Universitätsstandort Wien, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum ein neues, genderspezifisches Profil zu geben. Ihr ist es gelungen, entsprechende Fragestelllungen und Methoden im Fach zu integrieren, so dass heute von einem gelungenen Paradigmenwechsel innerhalb der Kunstgeschichte gesprochen werden kann. Diese Vorgangsweise etablierte gender als historisch gewordene, sozial und diskursiv produzierte Kategorie. Hammer-Tugendhats Studien zu Geschlechterkonstruktionen decken ein weites Spektrum ab, sie erstrecken sich vom Hochmittelalter bis ins 19. Jahrhundert mit einem Schwerpunkt in der Niederländischen Malerei, vor allem des 17. Jahrhunderts. Hammer-Tugendhats Publikationen und Forschungsarbeiten zeichnen sich durch die für ein kritisches feministisches Wissenschafts- und Gesellschaftsverständnis charakteristische enge Verbindung von theoretischer Analyse und politischem Engagement aus.

Auch Hammer-Tugendhats Vorbildwirkung für Wissenschafterinnen und Künstlerinnen ist bemerkenswert. Die Verbindung zwischen Wissenschaft und zeitgenössischer Kunst unter einem genderspezifischen Aspekt war ein neuer, unkonventioneller und exzeptioneller Zugang zum Gegenstand. Mit ihren besonderen didaktischen und pädagogischen Fähigkeiten trug Hammer-Tugendhat zur Etablierung einer qualifizierten und angeregten Diskurskultur bei. Ihr Engagement schlug sich auch in Form eines spezifischen Lehrangebots nieder, das es den Studierenden ermöglichte, genderspezifische Themenstellungen für ihre Diplomarbeiten und Dissertationen zu finden.

Zur Förderung des weiblichen künstlerischen Nachwuchses zählen auch die zahleichen Ausstellungskatalogbeiträgen, die Hammer-Tugendhat verfasst hat.
Ein weiterer Schwerpunkt von Hammer-Tugendhats Wirken ist ihr jahrzehntelanges Engagement in universitätspolitischen Frauenangelegenheiten in der Initiative zur Förderung der Frauenforschung und ihrer Verankerung in der Lehre. Dieser Initiative war es zu verdanken, dass 1991 zwei Gleichbehandlungsstellen in der Österreichischen Rektorenkonferenz geschaffen worden sind, die später ins BM für Wissenschaft und Forschung transferiert wurden und die frauenpolitischen Agenden an den Universitäten und damals noch Kunsthochschulen essentiell unterstützten. In dieser Zeit wurden gemeinsam mit der Initiative die ersten drei Interuniversitären Koordinationsstellen für Frauenforschung in Wien, Linz und Graz geschaffen. Heute sind die Koordinationsstellen im Universitätsgesetz normiert und aus der österreichischen Universitätslandschaft nicht mehr wegzudenken.
Hammer-Tugendhat, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Wien-Museums, Beirätin der Frankfurter Kulturwissenschaftlichen Beiträge, Redakteurin der Zeitschrift Kulturwissenschaften, seit 2009 für fünf Jahre Mitglied im ERC (European Research Council) in Brüssel für den Advanced Grant, Vorstandsmitglied des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK), Fellow am Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit der Universität Frankfurt/M, Mitglied des Ulmer Vereins für Kunst- und Kulturwissenschaften, Mitglied des Österreichischen Kunsthistorikerverbandes und Mitglied der Wiener Redaktion der Zeitschrift für Kulturwissenschaften, nutzte ihre gesamte Karriere als Universitätslehrerin, als Wissenschafterin, als Funktionärin in Gremien, als Aktivistin in genderspezifischen Arbeitsgruppen und Initiativen, als Förderin und Mentorin von Nachwuchswissenschafterinnen und -künstlerinnen dazu, der Geschlechterdemokratie ein großes Stück näher zu kommen. Dies ist ihr wie sonst kaum jemandem im akademischen Feld gelungen.

Die Verleihung des Gabriele Possanner-Staatspreises würdigt Daniela Hammer-Tugendhats Lebenswerk als impulsgebende, hervorragende Kunsthistorikerin und als engagierte Aktivistin für die Geschlechterdemokratie.