Gabriele Possanner-Förderungspreisträgerin 2001

Dr.in Elisabeth Holzleithner
Juristin, Wien

 

Dr.in Elisabeth Holzleithner, geboren 1970 in Baden/NÖ, studierte ab 1988 Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Die Sponsion erfolgte 1993, die Promotion 2000. Seit 1991 war sie zunächst Studienassistentin, dann Vertragsassistentin (ab 1994) und seit 1996 ist sie Universitätsassistentin am Institut für Rechtsphilosophie und Rechtstheorie der Universität Wien.  

Die eingereichte Arbeit "Grenzziehungen: Pornographie, Recht und Moral" wurde von der Jury als auf hohem theoretischen Nieveau mit komplexer, aber stringenter Struktur beurteilt. Die Arbeit erhellt die Komplexität gesellschaftlicher Fragen und dient dem Erkenntnisgewinn. Zudem wurde an Holzleithners Text der eloquente Stil hervorgehoben, der "der wichtigen, aber ebenso heiklen Materie in rechtspolitischen Debatten wie auch in den Argumentationsketten und politischen Aktionen auf feministischer Seite durch eine feine Ironie beikommt, ohne dabei die dem Thema angemessene Ernsthaftigkeit zu opfern".

Über die ausgezeichnete Arbeit von Elisabeth Holzleithner 

GRENZZIEHUNGEN. PORNOGRAPHIE, RECHT UND MORAL  

Die Arbeit rekonsturiert die Pornographiedebatte aus einer neuen Perspektive, nämlich mit der Frage vor Augen, welche Moralbegriffe von den jeweiligen ProtagonistInnen angewendet werden. Dabei werden zwei Paradigmen beobachtet: das konventionell-moralische Paradigma des Obszönen und das radikalfeministische, postkonventionell-moralische Paradigma der sexuellen Diskriminierung durch Pornographie. Beide Paradigmen werden einer umfassenden Analyse zugeführt.  

Das Paradigma des Obszönen ist weitgehend noch immer hegemonial; es betrachtet Pornographie als Sitten verderbend und, weil moralisch verwerflich, auch rechtlich zu verbieten. Um zu zeigen, wie die Argumentation in diesem Paradigma verläuft, analysiert Holzleithner die Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs ab dem Ende des 19. Jhdts. (Strafrechtlich) verboten war, was den moralischen Empfindungen des Durchschnittsmenschen widerstritt. Der Durchschnittsmensch stellt sich zunächst als "normales, gesundes", später als "soziologisch aufgeklärtes" Wesen dar, das den Maßstab gerade noch hinnehmbarer moralischer Verderbtheit abgibt. Die Autorin hat die Paradoxien dieser Konzeption erarbeiten und deutlich gemacht.  

Im Weiteren sucht Holzleithner nach alternativen Konzepten und analysiert, ob und inwieweit die Rechtsprechung der österreichischen Gerichte mit den menschenrechtlichen Vorgaben (Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit) vor der Judikatur des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte bestehen könnte. Diese gilt ihr als weniger "konventionell" als jene der österreichischen Gerichte, weil der Begriff der Moral nur im Licht der "Rechte und Freiheiten anderer" und nicht bloß als durchschnittliche Empfindung gefasst wird. Gleichwohl scheint der Beurteilungsspielraum, der den einzelnen Staaten eingeräumt wird, groß genug, dass auch die Vorgaben der österreichischen Rechtsprechung darin Platz finden.  

Als Übergang zu einem postkonventionell-moralischen, freiheitsbezogenen Ansatz analysiert Holzleithner die Theorie von Ronald Dworkin und kritisiert sie anschließend aus der radikalfeministischen Perspektive von Rae Langton. Auch Dworkin, wie andere, noch konventionellere Ansätze, hat einen Begriff von Pornographie, der außer Acht lässt, was Frauen durch Pornographie angetan wird. Breiten Raum nimmt dann die Bearbeitung genau dieser Frage anhand der Theorie vor allem von Catharine MacKinnon, die Pornographie als Unterdrückung von Frauen fasst. Die damit angesprochene Konzeption war und ist im rechtspolitischen Diskurs von großer Brisanz und auch Aktualität. Anhand der Entwicklung in Kanada wird gezeigt, dass eine Pornographiegesetzgebung, die auf die „Frauenfrage“ abstellt, unerwartete Nebenwirkungen haben kann, die sich gegen dissidente Darstellungen etwa sexueller Minoritäten richten. Aber nicht nur deshalb ist der radikalfeministische Ansatz kritikwürdig. Auch die hermetische Konstruktion der Kategorie bzw. "Klasse" der Frauen als Ergebnis einer allumfassenden patriarchalischen Unterdrückung scheint überschießend und wird weder der Unterschiedlichkeit der Situationen, in denen Frauen leben, noch unterschiedlichen feministischen Ansätzen gerecht.  

Aus diesen Gründen sind für Holzleithner letztlich weder Analyse noch Ergebnis radikalfeministischer Bemühungen hinreichend begründet und sie sucht nach einem anderen, pluralistischen und auch realistischen Ansatz. Dieser verbindet in Bezug auf Drucilla Cornell "Konfrontationsschutz" und "Gewaltschutz" auch mit einem Fokus auf die DarstellerInnen in der Pornoindustrie. Auf die Verbesserung von deren Situation, vor allem jener von Frauen, wird besonderes Augenmerk gelegt.  

Das Pornographiegesetz beschäftigt die Gemüter ebenso wie die Legislative, bislang ist der österreichische Gesetzgeber aber an einer Neufassung – aus ideologischen Gründen – gescheitert. Die Arbeit versucht, die Sensibilitäten neu zu ordnen und den Fokus zu verlagern: weg von der Obsession etwa mit Schwulen- und Lesbenpornographie (die im österreichischen Recht traditionell verboten ist – erst vor kurzem hat das Oberlandesgericht Graz anders judiziert) hin zu einer differenzierten Wahrnehmung des Genres Pornographie und einer kritisch geschärften Wahrnehmung dessen, was der Schaden sein kann, den Pornographie anrichtet.  

Holzleithners Arbeit sprengt die üblichen Grenzen der rechtlichen und rechtsphilosophischen Behandlung des Themas und verknüpft historische, soziologische und u.a. auch wirkungspsychologische Beobachtungen miteinander. Das Thema Pornographie wird in einen differenzierten Kontext gestellt, der eine weiterführende Debatte über Geschlechter- und andere Grenzen hinweg ermöglichen soll. So dient die Arbeit zur Selbstverständigung innerhalb des Feminismus ebenso wie als Ansporn, feministische Ansätze in konventionelle Theorien zu integrieren.