Gabriele Possanner-Förderungspreisträgerin 2001

Mag.ª Dr.in Monika Jarosch
Politikwissenschafterin, Innsbruck

 

Mag.ª Dr.in Monika Jarosch, geboren 1940 in Bonn/Deutschland, hat zunächst Rechtswissenschaften studiert und 1966 als Juristin promoviert. 1991–2000 studierte sie Politikwissenschaft und Fächerbündel an der Universität Innsbruck und schloss das Studium mit der Diplomprüfung ab.  

Die eingereichte Arbeit "Frauenqoten in Österreich" überzeugte die Jury durch die hohe wissenschaftliche Qualität der Arbeit, die überzeugende Struktur (Aufbau, Systematik, Lesbarkeit) und die kritische Reflexion der Thematik. Besonders hevorgehoben wurde, dass in dieser Arbeit die spezifische österreichische Situation in den Kontext der internationalen Debatte gestellt wird und dass dabei Ergebnisse unterschiedlicher Disziplinen Berücksichtigung finden. Die Arbeit von Mag.a Dr.in Jarosch zur Geschlechterdemokratie wurde als umsetzungsrelevant, interdisziplinär und direkt politikrelevant vom moralphilosophischen Diskurs bis hin zum Parlamentsdiskurs beurteilt.

Über die ausgezeichnete Arbeit von Monika Jarosch

FRAUENQUOTEN IN ÖSTERREICH

Grundlagen und Diskussion  

Die gesellschaftliche Situation der weiblichen Bevölkerung in Österreich ist heute, 80 Jahre nach dem Erreichen der formellen Gleichberechtigung, immer noch durch weitgehenden Ausschluss und diffizile Ausgrenzungsmechanismen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – aus den Bereichen der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Kunst und Kultur und den Medien gekennzeichnet. Die hierarchische Geschlechterordnung ist weiterhin eine Grundkategorie für politisches Handeln, für politische Systeme und Institutionen und bedeutet ein Demokratiedefizit, das nicht nur in Österreich zu finden ist.

Frauenpolitik ist eine Politik, die durch gezielte politische Interventionen die Situation von Frauen beeinflussen und die vielfältigen Ungleichheiten von Frauen beseitigen will. Die Frauenquote wird als eine Strategie dieser Politik angesehen, um insbesondere die Unterrepräsentanz der Frauen in höheren Positionen im Erwerbsbereich und in der Politik zu überwinden.  

Auf der einen Seite steht die Frage, ob Frauenquoten Männerrechte wie den Gleichheitsanspruch von Männern verletzen können; das würde ihre Unzulässigkeit bedeuten. Auf der anderen Seite ist zu fragen, ob Frauenquoten bei formeller Gleichberechtigung der Geschlechter heute überhaupt noch erforderlich sind oder ob, wenn von einer faktischen Ungleichheit der Frauen ausgegangen wird, sie auch aussichtsreich und wirksam sind, um diese faktische Ungleichheit aufzuheben. Wo und in welchen Bereichen gibt es in Österreich Frauenquoten? Wie sind diese ausgestaltet und welche Wirkung haben sie? Diesen Fragen und anderen, die sich weiters aus ihnen ergeben, wird in Jaroschs Arbeit nachgegangen.  

Quotenregelungen für Frauen, kurz Frauenquoten, bezeichnen eine bevorzugte Behandlung von Frauen bei der Vergabe von Arbeits- und Ausbildungsplätzen, Ämtern, Funktionen, Führungspositionen – bei allen gesellschaftlich zu besetzenden Positionen. Der Anteil von Frauen an diesen Positionen hat niemals ihrem Anteil an der Bevölkerung oder ihrer Erwerbsbeteiligung oder Mitgliedschaft entsprochen. Frauenquoten sind die Antwort auf die permanente Unterrepräsentanz von Frauen in ökonomischen, sozialen und politischen Bereichen der Gesellschaft.  

Die Befürworterlnnen und Gegnerlnnen von Frauenquoten lieferten sich heftige Diskussionen, die sich in der umfangreichen Literatur widerspiegeln; in den Medien und einer breiten Öffentlichkeit erreichte das Für und Wider von Quoten 1995 nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Fall Kalanke einen Höhepunkt.  

Die Diskussion um die Frauenquote als Instrument einer aktiven Gleichstellungspolitik wird von Jarosch auf verschiedenen Ebenen geführt, einer moralphilosophischen Ebene, einer juristischen Ebene und der politischen Ebene. In der moralphilosophischen Erörterung geht es um die Einbindung der Quotenforderung in einen umfassenden Gerechtigkeits- und Gleichheitsbegriff. Die juristische Ebene umspannt die Diskussion um die Gesetz- und Verfassungsmäßigkeit von Frauenquoten, die Auslegung des Gleichheitssatzes, die gesetzlichen Grundlagen von Frauenquoten in Österreich und die Diskussion um vier wesentliche Urteile des Europäischen Gerichtshofs. Die politische Ebene behandelt die Fragen, zu welchem Zweck und Ziel Frauenquoten eingeführt werden sollen und ob und wie sie durchsetzbar und geeignet sind, die erwünschten Ziele zu erreichen.  

In Jaroschs Arbeit werden die Gerechtigkeits- und Gleichheitsbegriffe, die in der Diskussion um Frauenquoten verwendet werden, sowie einige wesentliche Schlüsselbegriffe der Gleichheit wie Gleichberechtigung, Gleichstellung und Diskriminierung behandelt. Ein umfangreicher Teil berücksichtigt die rechtlichen Grundlagen für Quotierungen in Österreich und in der Europäischen Union, weiters wird über die grundlegenden Urteile des Europäischen Gerichtshofs berichtet.  

Ein weiterer Teil stellt das Geschlechterverhältnis unter dem Stichwort "strukturelle Diskriminierung" dar – und verweist auf die Einbindung der Frauenquote in ein umfangreiches Konzept der Gleichstellungspolitik. Der "Status quo" wird anhand einiger Zahlen aufgezeigt und belegt die Unterrepräsentanz von Frauen in den politischen Parteien und in Führungspositionen sowie die geschlechtsspezifische Teilung des Arbeitsmarktes. Ausführlich wird auch über die Frauenquotenpolitik der österreichischen Parteien informiert.  

Grundlage für Jaroschs Blick auf Frauenquoten ist nicht nur die österreichische Literatur, sondern auch die bundesdeutsche und jene aus dem deutsch-sprachigen Raum der Schweiz, da in allen drei Ländern ähnliche Fragen diskutiert werden.