Gabriele Possanner-Förderungspreisträger 2013

Mag. Samir MEDANI
Sozial- und Kulturanthropologe, Wien

Samir Medani, der 1970 geboren wurde, studierte von 2004 bis 2010 Kultur und
Sozialanthropologie an der Universität Wien. Er beendete das Studium mit der Diplomarbeit „Gay Worship. Über das Phänomen der Verehrung weiblicher Diven durch schwule Männer“. 2002 hatte er das psychotherapeutische Propädeutikum abgeschlossen, weitere Berufsqualifikationen und -erfahrungen umfassen auch eine Einführung in die sensorische Integrationstherapie (SI), Konstanz, und eine Ausbildung an der Akademie für den ergotherapeutischen Dienst in Wien; seit 1999 ist er Ergotherapeut im Fachbereich der forensischen Psychiatrie der Justizanstalt Wien-Mittersteig, wo er seit 2012 die Ergotherapie und Arbeitstherapie an der Justizanstalt Wien-Mittersteig leitet. Er ist darüber hinaus externer Lektor an der FH Wien und der FH Wiener Neustadt (Bachelorlehrgang Ergotherapie).

Über die ausgezeichnete Arbeit von Samir Medani
Gay Diva Worship. Über das Phänomen der Verehrung von weiblichen Diven durch schwule Männer

Samir Medani zeigt anhand von Interviews mit Schwulen die verschiedenen
Geschlechtskonstruktionen auf. In seiner Analyse wird ersichtlich, dass für die
meisten Schwulen im Umgang mit dem Coming out Frauen eine wichtige und
hilfreiche Rolle spielen, dass Schwule aber auch oft ein ambivalentes Frauenbild haben. Während außergewöhnliche Frauengestalten bewundert und idealisiert werden, werden andererseits Frauen, die einem eng gefassten Rollen- und Geschlechterbild entsprechen (z.B. Hausfrau/Mutter), tendenziell abgewertet. Diven werden von vielen Schwulen als Projektionsflächen und bedeutsame Identifikationsfiguren gesehen, doch identifizieren sie sich nicht mit der Diva als Person, sondern vielmehr mit ihrer, mit Genderrollen spielenden und diese auch parodierenden (Bühnen-)Präsenz. Ursprünglich half das mit, eine Art kollektives Bewusstsein für eine schwule Identität entstehen zu lassen. Deutlich wird in der Studie auch ein eingetretener Bedeutungsverlust des Kults um die Verehrung einer Diva bzw. einer Gay Icon. Medanis Analyse sogenannter Gay Icons zeigt, dass diese den gängigen Doing-Gender-Normen von „Weiblichkeit“ nicht entsprechen, weil sie Androgynität bzw. Maskulinität ausstrahlen oder eine fragmentierte Identität als Frau verkörpern und darüber hinaus „weibliche“ Schönheitsnormen bis hin zur Künstlichkeit überhöhen oder einen Konnex zur Homosexualität aufweisen.

Drag Queens können als die Nachfolgerinnen verehrter Diven betrachtet werden, da sie sich wie manche Schwule nicht auf ein Rollenrepertoire „nur“ eines Geschlechts festlegen und „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ lediglich als Maskerade begreifen. In patriarchalen Gesellschaften, in denen Homophobie und Sexismus oft Hand in Hand gehen, kann die Solidarität und Identifikation mit bestimmten Frauen (z.B. Diven/Gay Icons) aber immer noch eine mögliche und sinnvolle Strategie für schwule Männer darstellen.

Auch wenn weltweit – zumindest in liberalen westlichen Demokratien – keine schwule Parade ohne Drag Queens auskommt und in den meisten westlichen Gesellschaften eine relative Toleranz gegenüber schwulen bzw. queeren Lebensweisen erreicht wurde, so verstören aktuelle homophobe Gesetze (wie z.B. in Russland), die Schwule unsichtbar machen wollen und dazu aufhetzen, sie zu demütigen und zu verletzen. In diesem Sinne würdigt die vorliegende Arbeit die Pionierarbeit mutiger Diven und schwuler Drag Queens, die Vorreiter- bzw. Vorkämpfer_innen für eine emanzipiertere und tolerantere Gesellschaft waren. Es bleibt offen, inwiefern Camp, Diva Worship und Drag als Strategien und Mittel der Parodie zur Aufhebung überholter heteronormativer Geschlechterrollenbilder von „Mann“ und „Frau“ nicht auch für die Zukunft Aktualität behalten werden.

Medanis Behandlung eines bislang von der Forschung wenig beachteten Themas und seine theoretische Verortung im Ansatz des „doing gender“ ist von wissenschaftlicher Originalität und hoher Qualität.