Gabriele Possanner-Förderungspreisträgerin 2011

Mag.a Dr.in Irene Messinger, Politikwissenschafterin, Wien

Irene Messinger beendete ihr Pädagogik, Sonder- und Heilpädagogikstudium 2001 mit dem Schwerpunkt der Erwachsenenbildung, interkulturelle Pädagogik. 2011 promovierte sie in Politikwissenschaft an der Universität Wien. Im November 2011 erhielt sie den Dissertationspreis für Migrationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaft und im April 2011 den Förderungspreis des Theodor Körner Fonds. Im Wintersemester 2004/05 leitete Irene Messinger ein Seminar am Institut für Bildungswissenschaften an der Universität Wien im Schwerpunkt Interkulturalität: „Sozialpädagogische Arbeit mit unbegleiteten Flüchtlingsjugendlichen“. Von 2006–2007 war sie Studienassistentin von Univ.-Prof.in Eva Kreisky am Institut für Politikwissenschaft. Im Wintersemester 2010/11 hatte sie einen Lehrauftrag an der Universität Wien. 

VERDACHT AUF „SCHEINEHE“
Intersektionelle Analyse staatlicher Konstruktionen von „Schein-“ bzw. „Aufenthaltsehe“ und ihre Auswirkungen im Fremdenpolizeigesetz 2005 
 

Irene Messingers Dissertation (2011) im Fach Politikwissenschaft beschäftigt sich mit dem Entstehungshintergrund und den Folgen des Verdachts auf Schein- oder Aufenthaltsehe als staatliche Konstruktion. Sie wirft innovative und politisch höchst brisante Fragestellungen zu Migration, Bürokratie und Intersektionalität auf und beeindruckt durch ihre kreative wie überzeugende Anwendung von Methoden genauso wie durch den sicheren Umgang mit Theorien.

Die Arbeit untersucht, wie der „Verdacht auf Scheinehe“ in Österreich historisch in unterschiedlichen Funktionen auftrat und schließlich im Fremdenpolizeigesetz 2005 zu einem Straftatbestand wurde. Zudem zeigt diese Studie, wie Institutionen und ihre Expert/innen in der Gegenwart Zuschreibungen, Bestätigungen und Verurteilungen dieses Verdachts entlang der Achsen Geschlecht, Ethnizität, Klasse und Aufenthaltsstatus konstruieren. Dafür werden US-amerikanische, britische und deutschsprachige Theorien zu Intersektionalität einer neuerlichen Reflexion unterzogen und lokalen Verhältnissen angepasst. Obwohl in den letzten Jahren einige Arbeiten zum Thema Scheinehe (meist im Kontext von transnationalen Ehen) entstanden sind, wurde noch keine intersektionelle Analyse vorgenommen, die zeigen kann, wie Mehrfachdiskriminierungen unterschiedlich auf Bewertungen von Ehen in staatlichen Institutionen und damit auf Verdacht von Schein- und Aufenthaltsehen wirken. Irene Messingers Arbeit weist eine bemerkenswerte Methodentriangulation auf, bei der quantitative und qualitative Analysen mit ihren jeweils unterschiedlichen Potentialen zur Datenerhebung und Analyse beitragen. Selbstreflexiv und virtuos erläutert die Autorin Schwächen und Stärken der verwendeten methodischen Ansätze. Die zentralen Arenen der Austragung des Verdachts auf Scheinehe bilden nach dieser Studie die von weißer Männlichkeit dominierten Institutionen Fremdenpolizei, Standesamt, Bezirksgericht und für das Migrationsmanagement zuständige Magistratsabteilungen, deren Akteur/innen deutlich sichtbar gemacht werden.

Die vorliegende Dissertation ist eine Arbeit, die allen Anforderungen des Gabriele Possanner-Förderungspreises in hervorragender Weise gerecht wird.