Gabriele Possanner-Förderungspreisträgerin 2003

MMag.ª Dr.in Gabriele Michalitsch
Politikwissenschafterin, Wien

 

MMag.ª Dr.in Gabriele Michalitsch, geboren 1966 in Wien, studierte Politikwissenschaften und die Fächerkombination Philosophie/Spanisch/Publizistik an der Universität Wien (Studienabschluss 1991) sowie Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien (Studienabschluss 1994). Forschungsaufenthalten an der Universität Tübingen und am Deutschen Orient-Institut (Hamburg) (1989–1990) folgte ein Post-graduate-Studium der Politikwissenschaften am Institut für Höhere Studien (IHS) Wien 1994–96. 2003 Doktoratsabschluss in Politikwissenschaften an der Universität Wien. 1994 wurde Gabriele Michalitsch Forschungsassistentin sowie Lehrbeauftragte am Institut für Volkswirtschaftstheorie und -politik der WU Wien, darüber hinaus Lehrbeauftragte an den Universitäten Innsbruck und Salzburg sowie am Instituto Tecnológico y de Estudios Superiores de Monterrey (ITESM) in Mexiko. Seit dem WS 2002/03 hat sie eine Gastprofessur an der Galatasaray Universität, Istanbul, inne.
Zu ihren weiteren Engagements zählten: 2001–2002 Mitarbeit bei Women and Financial Policy in Austria und Mitbegründerin der Joan Robinson Association for gender-equal distribution of economic knowledge in Wien und 1999–2002 Mitherausgeberin der Buchreihe Frauen, Forschung und Wirtschaft [Women, Research, and Economics] der WU Wien.
Seit 2002 ist Gabriele Michalitsch Vorsitzende der Expertinnengruppe des Europarates zu Gender Budgeting.
In zahlreichen Publikationen und öffentlichen Vorträgen vermittelte Gabriele Michalitsch ihr Wissen einer breiten Öffentlichkeit.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Geschlechterkonstruktionen in politischen und ökonomischen Theorien, Neoliberalismus, Feministische Ökonomie, Genese der modernen Ökonomie, Verhältnis von Staat und Ökonomie.  

Über die ausgezeichnete Arbeit von Gabriele Michalitsch

DIE DOMESTIZIERUNG DER LEIDENSCHAFTEN.
Über die Formierung neoliberaler Subjektivität  

Neoliberales Denken verändert Ökonomie, Politik und Gesellschaft und macht dabei auch vor dem Individuum nicht Halt. Gabriele Michalitsch untersucht die Veränderungen, denen das Subjekt in einer Zeit unterworfen ist, in der sich ökonomische Prinzipien in allen Lebensbereichen durchsetzen: Die heute implizit an den Einzelnen gestellte Forderung, Unternehmer seiner selbst zu sein, deutet sie als Prozess der Bändigung und Kontrolle des Subjekts und seiner Leidenschaften, ein Prozess, der auch die Geschlechterverhältnisse neu definiert.  

Ihre Arbeit gliedert sich in 4 Teile, wovon der erste die Fragestellung, Methode und theoretische Einbettung behandelt. Poststrukturale Ansätze von Michel Foucault und Judith Butler stehen dabei im Vordergrund und bestimmen in der Folge mit ihrem Konzept von Macht, dem Verständnis des Macht-Wissens-Dispositivs, der genealogischen Methode und dem konstruktivistischen Konzept von Geschlecht den weiteren Gang der Arbeit. Im zweiten Teil werden die Zusammenhänge von Neoliberalismus und Globalisierung veranschaulicht und die wirtschaftstheoretischen Grundlagen des neoliberalen Denkens analysiert. Schon in der führen Moderne hatten liberale Theoretiker Möglichkeiten der Selbstregulation von Markt und Individuen problematisiert. Der zunächst als von Leidenschaften getrieben betrachtete Mensch wurde schließlich als von Vernunft und Interesse geleitet definiert. In Anschluss an diesen Paradigmenwechsel in der Bestimmung „menschlicher Natur“ versteht die Verfasserin die Formierung neoliberaler Subjektivität als radikalisierte Variante jener frühliberalen Domestizierungen der Leidenschaften.  

Der dritte Teil arbeitet die geschlechtlichen Komponenten des Domestizierungsprozesses heraus. Die Analyse verbindet dabei geschlechtlich strukturierte, Geschlecht produzierende Diskurse und Praktiken. Michalitsch untersucht die Dimensionen der Maskulinität wirtschaftstheoretischer Konzeptionen, aber auch geschlechtsspezifischer Folgen neoliberaler Restrukturierungsprozesse, wie sie beispielhaft an Transformationen von Arbeitsmarkt, sozialen Leistungen und Staatsfinanzen in Österreich betrachtet werden. Im letzten Teil fasst die Autorin die Erkenntnisse zusammen: Ein zentrales Element neoliberaler Regierung besteht in der Formierung von Subjektivität, die als Formierung des Selbst durch sich selbst an den Markt geknüpft wird und der die Formierung von Geschlecht eingeschrieben ist.  

Besonders hervorstechend an dieser Arbeit ist die innovative Verknüpfung von politik- und wirtschaftswissenschaftlichem Denken, mit der einer ebenso diffizilen wie komplexen Fragestellung begegnet wird. Aus transdisziplinären Perspektiven ergeben sich unorthodoxe Einsichten, die sich auch aufgrund der Berücksichtigung von Geschlecht und Geschlechterdisparität als wesentlich erweitert zeigen. Hervorgehoben an dieser Arbeit wurden weiters die Verbindungen von Theoriegeschichte und zeitgenössischer Modellbildung sowie das Zusammenspiel von wissenschaftlichem Diskurs und Entwicklung politischer Ideen.