Gabriele Possanner-Staatspreisträgerin 2007

Dr.in Lisbeth N. Trallori
Sozialwissenschafterin, Wien

 

Lisbeth N. Trallori zählt zu jenen Wissenschafterinnen, die sich für die Neue Frauenbewegung und für die universitäre Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung engagier(t)en. Seit mehr als 20 Jahren setzt sie sich an vorderster Linie mit den geschlechterpolitischen Einflussfaktoren auseinander, die besonders die Lebensrealität von Frauen wesentlich mitbestimmen. Den Zugang zur Hochschule erwarb Lisbeth N. Trallori im zweiten Bildungsweg.
Bevor sie an der Wiener Universität ihre Studien aufnahm, lebte sie in Paris und Florenz, wo sie die Fächer Politikwissenschaft und Soziologie wählte. Seit 1986/87 übernahm sie Lehrtätigkeiten am Institut für Soziologie und Politikwissenschaft der Universität Wien, am Institut für Zeitgeschichte, an der Bildungsuniversität Klagenfurt, an den Universitäten Innsbruck und Graz. Sie beschäftigt(e) sich mit dem Wi-derstand von Frauen im Nationalsozialismus und zählt zu den Pionierinnen der kri-tischen Auseinandersetzung mit Körperpolitik/en und den Gen- und Reproduktionstechnologien. Unermüdlich wies sie in Forschung und Lehre, in wissenschaftlichen und politischen Diskussionszusammenhängen, im inner- wie im außeruniversitären Bereich immer wieder auf deren einschneidende Konsequenzen für das Verständnis von „Leben“ und die Lebensrealität in besonderer Weise für die Frauen hin. Auch ein Blick auf die aktuellen Schwerpunkte von Lisbeth N. Tralloris wissenschaftlicher Arbeit, zu denen eine akzentuierte Standortbestimmung der Frau-enbewegung ebenso zählt wie die kritische Auseinandersetzung mit den Folgen von Neoliberalismus und Globalisierung, zeigt ihr sicheres Gespür dafür, um-kämpfte und brennende Gegenwartsfragen zu bearbeiten.

Lisbeth N. Trallori forscht unter der Prämisse, dass nur der konsequente Einsatz von Menschen, die auf der Seite der Diskriminierten stehen, es möglich macht, die gesellschaftlichen Veränderungen politisch zu bewältigen. Nachdenken und Sich-Einmischen, wissenschaftliche Reflektion und eine frauenbewegte vita activa, eine große Themenvielfalt und ein breites Spektrum der Arbeits- und Diskussionszusammenhänge, in die sie ihr Wissen und ihr Engagement eingebracht hat und einbringt, in denen sie lehrt, diskutiert und sich zu Wort meldet, all das zeichnet Lisbeth N. Tralloris Arbeit aus. Wesentliches Element ihres wissenschaftlichen Œuvres ist die Vielfalt an Formen, die sie für die Vermittlung der Ergebnisse ihrer Arbeit gewählt hat. Diese reichen von Filmen (z.B. Küchengespräche mit Rebellin-nen, 1985) über Radiobeiträge, Artikel, Bücher (z.B. Die Eroberung des Lebens. Technik und Gesellschaft an der Wende zum 21. Jahrhundert, 1996), wissen-schaftliche Publikationen bis zur Gestaltung von Workshops, Konferenzen, Sym-posien, Vorträgen und Lectures an Theatern, wobei ihr die Forcierung des Dialo-ges zwischen Kunst und Wissenschaft ein Anliegen ist. Lisbeth N. Trallori vermit-telt ihre Forschungsergebnisse auch an Volkshochschulen und nahm 2007 am World Social Forum in Nairobi teil.

Ihr ganzes Leben als freie Wissenschafterin hat sich Lisbeth N. Trallori mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln für das Ziel der Realisierung von Geschlech-tergerechtigkeit eingesetzt. Von ihrem daraus entwickelten umfangreichen Wissen profitierten zahlreiche Institutionen. Die Sozial- und Kulturwissenschafterin Lis-beth N. Trallori ist jener Typus von Wissenschafterin, ohne den die feministische Wissenschaft ihren Weg an die Universitäten, in die Forschung und in die Lehre nicht gefunden hätte. Ihre Publikationen und häufig transdisziplinär angelegten, von herausragender wissenschaftlicher Qualität ausgezeichneten Forschungsar-beiten zeichnen sich durch eine enge Verbindung von theoretischer Analyse und politischem Engagement aus, die beispielhaft ist für ein kritisches feministisches Wissenschaftsverständnis.
Besonderes Augenmerk kann dabei auf Lisbeth N. Tralloris Arbeit in außeruniver-sitären Zusammenhängen gelegt werden. Auf ihre Initiative geht die Etablierung des Zentrums für Frauenforschung/Feministische Forschung zurück, in dessen Rahmen sie bis 1999 wirkte. Sie war Gründungsmitglied der IG Externe LektorIn-nen und freie WissenschafterInnen, die 1996 im Zuge der österreichweiten Streikbewegung gegründet wurde, und Mitbegründerin der feministischen Mittelbauver-tretung Initiative Politeia an der Universität Wien. 

Die Trägerin des Preises der Theodor-Körner-Stiftung für Sozialforschung sowie des Käthe Leichter-Staatspreises für Frauenforschung, Geschlechterforschung und Gleichstellung in der Arbeitswelt engagiert sich für das Feministische Forum im austrian social forum und ist überdies Mitbegründerin der Frauenhetz – Feministische Bildung, Kultur und Politik, eine seit 1993 erfolgreich bestehende außeruniversitäre feministische Institution.

Die Verleihung des Gabriele Possanner-Staatspreises würdigt Lisbeth N. Tralloris Lebenswerk als unermüdlich engagierte, impulsgebende und hervorragende Sozi-alwissenschafterin und Stimme für die Gleichberechtigung von Frauen.