Gabriele Possanner-Staatspreisträgerin 2011

UNIV.-PROF. in DR.in INA WAGNER, Physikerin und Sozialwissenschafterin, Wien

Univ.-Prof.in Dr.in phil. Ina Wagner war von 1987 bis 2011 Professorin am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung an der Technischen Universität Wien. Sie hat an den Universitäten München sowie Wien Physik und Mathematik studiert und promovierte auch dort. Sie habilitierte sich in zwei Fächern und an zwei Universitäten: an der Universität Klagenfurt im Fach Bildungswissenschaften und an der TU Wien in der Informatik und erlangte aufgrund dieser ungewöhnlichen Ausbildungskombination und ihren wissenschaftlichen Leistungen einen herausragenden Expertinnenstatus. Auch auf internationaler Ebene gibt es kaum jemanden, der wie sie diese beiden wissenschaftlichen Zugänge miteinander zu verbinden imstande ist. 2011 hat Ina Wagner dafür auch den Wiener Frauenpreis erhalten.

Als erste von außen berufene Professorin war sie Pionierin an der TU Wien. Ina Wagner, die sich über all die Jahre ihrer Professur immer der Herausforderung – lange als einzige Frau, später als eine von ganz wenigen Frauen – in der Kurie der Professor/innen gestellt hat, brachte die Position von Frauen aktiv in universitären Gremien ein. So war z. B. ihr Einsatz um die Gründung und Etablierung des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen eine nachhaltige Pionierinnenleistung. Gemeinsam mit Silvia Ulrich war Ina Wagner 1994 auch Verfasserin des ersten Frauenförderplans Österreichs.

Zahlreiche Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren führten Ina Wagner an renommierte Institute im Ausland (Harvard, London University, Wissenschaftszentrum Berlin, EHESS/Paris, DTU Kopenhagen). Ihre internationale hochkarätige Vernetzung und das breite wissenschaftliche Interessensfeld schlugen sich in Mitherausgeberinnenschaften einschlägiger wissenschaftlicher Fachzeitschriften nieder. Auch viele impulsgebende Fachkonferenzen gehen auf ihre Initiative und ihre Mitarbeit zurück. Ina Wagner stand darüber hinaus auch wichtigen Fachvereinigungen vor, wie etwa der Österreichischen Soziologischen Gesellschaft, und sie war über Jahrzehnte hinweg in zahlreichen nationalen und internationalen Kommissionen und beratenden Gremien eine gefragte Informatik- und Gender-Expertin. Sie war u.a. Mitglied der „European Group on Ethics in Science and New Technologies“ der Europäischen Kommission (1998–2001) und ist seit 2001 Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission.

Ina Wagner bewies nicht nur Ausdauer, sondern auch mutige Auseinandersetzungsbereitschaft zugunsten der Belange der Frauen an der TU. Ihre Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der feministischen Forschung, Frauenforschung und Gender Studies im Umfeld von Naturwissenschaft und Technik waren und sind richtungsweisend für die Debatten in diesem Wissenschaftsbereich. Ihre gesamte Zeit an der TU Wien war Ina Wagner in nationalen und oft auch mit internationalen Forschungsprojekten zu Technikentwicklung, zur Arbeitsplatzsituation und auch zur Folgenabschätzung speziell für Frauen beschäftigt. Da sie sich neben den Studien der Physik und Mathematik auch den Sozialwissenschaften zugewandt hatte, konnte sie sich mit technischen Fragen aus einer fundierten sozialwissenschaftlichen Position heraus auseinander setzen. So fragte sie nach den politischen Implikationen von technischen Sichtweisen, arbeitete über die Sozialgeschichte der Naturwissenschaften und stellte Fragen nach den ethischen Aspekten moderner Natur- und Technikwissenschaften. Ein großer, wichtiger und einflussreicher Strang ihrer Forschung ist der Arbeitssituation von Frauen gewidmet, dem Einsatz von Technik und moderner Informationstechnologie in den stark von Frauen getragenen Dienstleistungsberufen. Sie thematisiert die Konflikte zwischen Zeitstrukturen und -bedürfnissen im Leben von Frauen und den in den technischen Artefakten objektivierten Zeitstrukturen und -anforderungen an Frauen bei der Arbeit. Kern ihrer Arbeit ist die Verbindung der Untersuchungen von Arbeitspraxis mit Technikentwicklung, beispielsweise im Krankenhaus, im Architekturbüro und in der Automobilindustrie. Mit ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit will sie verhindern, dass Computersoftware an den Menschen vorbei entwickelt wird. Ina Wagners innovative Forschung auf diesem Gebiet war und ist wegweisend.

Die herausragende Wissenschafterin wurde von der TU Wien für den Possanner-Preis als Zeichen der institutionellen Wertschätzung für eine Wegbereiterin und Vorkämpferin in Sachen Gleichstellung, speziell im Bereich der Technik, vorgeschlagen. Sie war lange Zeit die einzige Frau auf der TU, die sich in diesem männlich dominierten Feld durchzusetzen bemühte und die die Frauenangelegenheiten im großen Bereich der Technik für sich als Aufgabe betrachtete. Obwohl die Wissenschafterin von der TU Wien bereits in den Ruhestand verabschiedet wurde, ist sie weiterhin mit ihren Untersuchungen beschäftigt und äußerst aktiv auf der EU-Ebene. Mit den Forschungs- und Untersuchungsfragen, die sie dort einbringt, rückt sie die Situation von Frauen immer wieder in den Fokus. Außerdem hält die renommierte Wissenschafterin derzeit auch noch eine Professur an der Universität Oslo und eine an der TU in Sydney. 

Die Verleihung des Gabriele Possanner-Staatspreises würdigt Ina Wagners Lebenswerk als hervorragende Wissenschafterin und engagierte Aktivistin für die Geschlechterdemokratie. Sie ist die erste Technikerin unter den Preisträgerinnen des Possanner Preises.