Fotos und Nachlese vom Science Talk "Lebensphase „Alter“ gestalten - Wann müssen wir damit beginnen?" vom 13. Mai 2019

Fotocredit: Christopher Dunker/BKA

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Nachlese: Science Talk: Lebensphase "Alter" - Was ist das?

Wien (APA-Science) - Was wollen alle Menschen werden, aber niemand will es sein? Alt. Diese Lebensphase, die meist mit Mühsal, Schmerz und Gebrechlichkeit verbunden wird, stand im Zentrum des gestrigen Science Talks des Bildungsministeriums, bei dem sich alle Podiumsteilnehmer einig waren: Dieses negative Denken gehört geändert.

"Was ist das, Alter?", fragte sich Franz Kolland, Professor für Sozialgerontologie der Universität Wien und für Geragogik an der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien/Krems. "Die Vorstellung, es gebe eine homogene Gruppe alter Menschen, ist sicher nicht zeitgemäß"- allein schon, weil das "Kalenderalter" und das "Gefühlsalter" nicht übereinstimmen: "Real fühlen sich Menschen immer deutlich jünger, als sie sind", betont der Herausgeber der "Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie". Die Gesellschaft schaffe das Alter über Maßnahmen, beispielsweise Vergünstigungen für Pensionisten. "Mit der Einführung der Pensionsversicherung wurde die Lebensphase 'Alter' über den Staat und das Versicherungssystem geschaffen." Diese Pension teile die Gesellschaft folglich in eine erwerbstätige, prestigeträchtige Gruppe, und eine "alte, ohne Prestige".

Zwischen Alter und Krankheit unterscheiden

Warum will aber niemand alt sein? Schuld daran sind unter anderem die vielen negativen Sprachbilder in unserem Sprachgebrauch, erklärte Ulla Kriebernegg, Literatur- und Kulturwissenschafterin der Universität Graz. Durch Begriffe wie "die silberne Flut" oder "die alte Schachtel" schreibe man dem Alter ein Verfallsnarrativ zu, das sich durch die Sprache in den Köpfen festsetzt. "Wir müssen uns bewusst machen, dass Gebrechen nicht unbedingt mit dem Alter zu tun haben", so Kriebernegg.

"Wir müssen ganz klar sagen: Nur weil ich eine Pension beziehe, bin ich weder alt noch gebrechlich", betonte auch Katharina Pils, ärztliche Leiterin des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation der Krankenanstalt Rudolfstiftung. Die dritte Lebensphase bezeichne Menschen, die zwar Rente beziehen, aber aktiv ihr Leben gestalten. Erst die vierte Phase ist charakterisiert vom "Zuwenden zu einem Ende", während welcher Zeit man auf die Unterstützung anderer angewiesen sei. Diese vierte Phase gelte es möglichst kurz zu halten, die Phase davor jedoch möglichst lang.

"Es gab noch nie so viele Menschen ab einem gewissen Alter, die so gesund sind", betonte Christoph Gisinger, Professor für Geriatrie an der Donau-Universität Krems und Institutsdirektor des Hauses der Barmherzigkeit, einer gemeinnützigen Einrichtung, die schwer pflegebedürftigen Menschen Langzeitbetreuung bietet. Es scheine zwar manchmal so, als würde die Zahl der Alterskrankheiten steigen - das werde aber nur so empfunden, weil die Zahl der alten Menschen an sich steige. Tatsächlich gingen Alterserkrankungen in ihrem Ausmaß zurück. "Wir haben bei Menschen, die krank oder nicht so selbstständig sind, viel zu sehr im Blick, was sie nicht mehr können", so Gisinger. Der richtige Blick sei aber vielmehr: "Was können sie noch? Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die jene Tätigkeiten fördern."

"Erfolgsgeschichten im Gepäck"

"Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Erfahrung und die Gelassenheit, mit der man Situationen beurteilen kann. Man hat Erfolgsgeschichten im Gepäck", hob Pils die positiven Seiten des Alters hervor und zitierte ihre ältere Schwester: "Wenn du nicht mehr schöner werden kannst, musst du gütiger werden."

"Altern ist ein lebenslanger Prozess", betonte auch Kolland: Man könne ihn als defizitär wahrnehmen, oder aber als kontinuierliche Weiterentwicklung. "Bildung ist der Faktor, der am meisten eine Rolle spielt für Gesundheit und gegen mentalen Abbau", erklärte Gisinger. Der Besuch von Science Talks wirke besonders lebensverlängernd, fügte er schmunzelnd hinzu.

Einen wesentlichen Stellenwert hat eine sinnstiftende Tätigkeit, sind sich die Experten sicher. Egal ob bezahlt oder unbezahlt, man solle nie aufhören zu arbeiten, weil Arbeit einen Sinn und eine Aufgabe gebe. "Die Erwerbstätigkeit ist in der gegenwärtigen Gesellschaft extrem wichtig", so Kolland, denn sie "wird mit Anerkennung gleichgesetzt".

Alte Menschen sichtbar machen

Ein weiterer springender Punkt sei die Barrierefreiheit auf allen Ebenen, betonte Pils. Der breite Gehweg sei für einen Mann mit Rollator genauso eine Erleichterung wie für eine Frau mit Kinderwagen. Niederflurstraßenbahnen, Rampen statt Stiegen, erst eine barrierefreie Umgebung erlaube es Menschen mit Gebrechen, sichtbar zu werden.

Zum Schluss verwies Kriebernegg noch auf ein sprachliches Paradoxon: "In unserem Sprachgebrauch ist eine ältere Frau jünger als eine alte Frau."

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