Fotos und Nachlese vom Science Talk „Minimalismus vs Konsumwahn. Wie wir das richtige Maß finden vom 17. Juni 2019

Fotocredit: Andy Wenzel/BKA

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Der Balanceakt zwischen Minimalismus und Konsumwahn

Wien (APA-Science) - Etwas zu besitzen ist kein Phänomen der modernen Zeit. Wohl aber gibt es heute die Möglichkeit, sehr viel zu besitzen und die Beziehung zu den Dingen zu verlieren, die man angehäuft hat. Die Kunst bestehe darin, das richtige Maß zwischen Konsumwahn und Minimalismus zu finden und dabei nachhaltige Kauf-Entscheidungen zu treffen, hieß es bei einer Podiumsdiskussion am 17. Juli in Wien.
Der Mensch als soziales Wesen drücke seinen Status in der Gesellschaft nach wie vor über Besitztümer aus, erklärte Katja Corcoran, Sozialpsychologin an der Universität Graz, bei einem vom Wissenschaftsministerium (BMBWF) veranstalteten "Science Talk". Diese identitätsstiftende Funktion sei aber nicht mehr auf materielle Güter beschränkt, was sich etwa in der Minimalismus-Bewegung zeige. Das richtige Maß von Besitz zu finden hänge von oft in Konflikt zueinander stehenden, kurzfristigen und langfristigen Zielen ab, wobei die entscheidende Frage eine der Wahrnehmung sei: "Besitz von was denn?" Minimalisten könnten darauf sagen, dass sie in Wahrheit nicht weniger, sondern mehr besitzen als andere - "mehr Freiheiten, mehr Möglichkeiten, gerade weil sie keinen Ballast mehr haben".
Einschränken passt nicht zum Zeitgeist

Dieser Drang nach mehr Freiheit und weniger Besitz finde etwa in der "Sharing Economy" ihren Ausdruck, merkte Bernadette Kamleitner, Leiterin des Instituts für Marketing und Konsument/inn/enforschung, Wirtschaftsuniversität (WU) Wien, an: "Besitz schränkt ein. Sich einzuschränken passt aber momentan überhaupt nicht zum Zeitgeist." Wenn Menschen den Konsum doch bewusst reduzieren und sich für einen minimalistischen Lebensstil entscheiden, sei das trotzdem nicht zwangsläufig nachhaltig und könne den Luxus nur in andere Bereiche verschieben - etwa, wenn das für Konsumgüter gesparte Geld wieder in Reisen fließt.

Im Grunde sei der Konsument heute immer in einem Dilemma zwischen einem hedonistischen Streben nach Glück und Fragen der Nachhaltigkeit, erklärte Corcoran. Das Problem beim richtigen Maß, so George Karamanolis vom Institut für Philosophie der Universität Wien: "Beim Konsum gibt es keine Experten, die das für uns bestimmen können." Die Krux sei aber eine durchaus philosophische, beim Maß gehe es zum Beispiel darum, welche Antwort eigentlich gesucht sei, das wiederum sei eine Frage des Charakters und der persönlichen Disposition: "Kaufe ich mir einen Ferrari oder eine Wohnung für meine Kinder?" Beim Konsum gelte es, sich bewusst zu machen, was man erreichen wolle - also nicht nur um eine Reihe von Zielen, sondern um deren Hierarchie und Struktur. "Muss ich X besitzen, um Z zu erreichen? Wenn, was steht dann am Ende?"
Objekten Bedeutung zuschreiben

Bei einem Mangel an Verboten und vielen Meinungen, die alle gleichzeitig gelten, könne eine gewisse Orientierungslosigkeit aufkommen, sagte Kamleitner: "Was ist normal?" Um zuhause nicht gedankenlos Produkte anzuhäufen, könne man sich damit behelfen, den Objekten Bedeutungen und Erzählungen zuzuschreiben, um sie nicht so austauschbar zu machen und ein rasches Wegwerfen zu verhindern. So werde das 2-Euro-T-Shirt vom Wühltisch zu einer Trophäe aus einem Kampf heraus und erhöhe seinen Stellenwert im Kleiderschrank.
Die Kaufverantwortung liege in der Praxis meist beim Individuum, obwohl sie nicht auf den einzelnen Konsumenten abgewälzt werden dürfe, so die Expertin. "Wenn ich ein Produkt mitnehme, muss ich auch fragen, was passiert danach damit?" Im Falle eines Billig-T-Shirts betreffe das die Produktionsbedingungen oder Umweltfragen. Selbst wenn Konsumentscheidungen spontan geschehen, dann könne eine Art innerer Wertekompass vor Fehlentscheidungen helfen, warf Corcoran ein: "Kaffee 'to go' im Plastikbecher nehme ich gar nicht mehr."