Fotos vom Science Talk > Dauerbrenner Klimawandel. Ein Science Talk über wissenschaftliche Erkenntnisse und heikle Prognosen

Fotocredit: Tom Wagner für das BMWFW

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Wien (APA) - Den Übergang in eine nahezu emissionsfreie Wirtschaft zu ebnen ist die größte Herausforderung der sogenannten Transformationsforschung. "Die Verursacher sind aber die gleichen, die das System reparieren wollen", brachte Montagabend Umwelthistorikerin Verena Winiwarter eines von mehreren Paradoxa des Klimawandels auf den Punkt. Dieser könne zudem nicht "wie eine Gleichung gelöst werden".

Mit dem Seitenhieb auf die Verursacher bezog sich Winiwarter im Rahmen eines vom Wissenschaftsministerium veranstalteten "Science Talk" in Wien unter anderem auf die Teilnehmer von Klimakonferenzen, die dazu aus aller Welt per Flugzeug anreisen. Warum sich das Thema Klimawandel aber generell im Gegensatz zu ebenso großen Problemen wie der steigende Bodenverbrauch in den Medien als "Dauerbrenner" erweist, erklärt sich für die an der Universität Klagenfurt tätige "Wissenschafterin des Jahres 2013" aus der Nachrichtenwerttheorie heraus, wonach schlechte Nachrichten eben doch gute Nachrichten sind: "Der Klimawandel ist das große Drama. Da gibt es Schurken, Helden und einen Gral." Der "Heilige Gral" liege nun in der Herausforderung, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten.

Gemeint ist das im Zuge des Pariser Klimaabkommens Ende 2015 von fast 200 Ländern vereinbarte Ziel, die Erderwärmung auf ein beherrschbares Maß von deutlich unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad, im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Gelingen kann das nur, wenn die Emissionen an Treibhausgasen, allen voran CO2, bis 2050 um 80 Prozent reduziert werden, rechnete Gottfried Kirchengast vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel (WEGC) und dem Institut für Physik an der Universität Graz, vor.

Seit Veröffentlichung des 5.000 Seiten starken Weltklimaberichts durch den Weltklimarat IPCC 2014 hat es laut Kirchengast wissenschaftliche Fortschritte in mehreren Bereichen gegeben, unter anderem in der Messtechnik: "Wir verstehen die Entstehung und Verteilung von CO2 mittlerweile so gut, dass wir den anthropogenen Anteil herausrechnen können." Seit der vorindustriellen Zeit ist der Anteil von CO2 in der Atmosphäre von ungefähr 280 ppm (parts per million) auf aktuell über 400 ppm gestiegen. Allein in den vergangenen paar Jahrzehnten habe der menschengemachte CO2-Anteil davon 90 Prozent betragen.

Die Transformationsforschung könne zahlreiche Lösungsvorschläge erbringen, um eine nahezu emissionsfreie Wirtschaft zu ermöglichen, ist Kirchengast überzeugt. Allein in der österreichischen Landwirtschaft ließen sich mit einer regenerativen Bodenbewirtschaftung, etwa dem Aufbau von Humus und Einsparungen beim Dünger, jährlich zehn bis 15 Millionen Tonnen des CO2 der Atmosphäre langfristig im Boden binden. Zum Vergleich: In Österreich werden pro Jahr rund 80 Millionen Tonnen fossile Emissionen produziert.

Wissenschaftliche Daten stehen also in enormer Fülle zur Verfügung, nicht zuletzt durch den 2014 präsentierten österreichischen Sachstandsbericht. Wichtig sei es daher, sich auf Dinge zu konzentrieren, die man noch nicht wisse, warf Gerhard Wotawa, Meteorologe an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und Obmann des Climate Change Centre Austria (CCCA), ein. "Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, wie sich der Anstieg der Temperatur auf Extremereignisse auswirkt."

Zur Veranschaulichung des Klimawandels werden neben abgemagerten Eisbären auch gerne schmelzende Gletscher herangezogen. Doch die wissenschaftliche Arbeit dahinter ist alles andere als einfach. Der Teufel steckt in den unzähligen Parametern, die es bei der Forschung in der "sehr inhomogenen Gebirgswelt" zu berücksichtigen gelte, sagte Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW): "Wir müssen an vielen Plätzen messen, und wir brauchen sehr lange Zeitreihen."

Entsprechend vorsichtig müsse man bei der Angabe von historischen CO2-Konzentrationen wie beim Wert 280 ppm sein und bei den Schlussfolgerungen daraus - dieser sei nur ein Mittelwert mit einer hohen Schwankungsbreite. In die Zukunft gerichtet, überwiegt trotz verschwindender Gletscher und voranschreitenden Klimawandels der Optimismus: "Der Mensch hat mindestens 7.000 Mal das Rad neu erfunden, er wird auch dieses Problem lösen."

(Schluss) mw/asc/ria

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Wien (APA) - Mit dem Appell, quer durch alle Ressorts Maßnahmen gegen den Klimawandel zu setzen, hat sich am Dienstag eine Expertenrunde an die zukünftige österreichische Bundesregierung gewandt. "Die Auswirkungen sind schon heute gravierend", sagte Risikoforscher Reinhard Mechler bei einem Medientermin anlässlich der kommenden Klimakonferenz in Bonn nächste Woche. Phänomene wie Felsstürze würden dies zeigen.
 
In Österreich würden die Folgekosten durch Unwetter und dergleichen bereits jetzt rund eine Milliarde Euro pro Jahr betragen, erläuterte Mechler, der am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) forscht, bei dem vom Climate Change Centre Austria (CCCA) veranstalteten Termin. Bereits bis zum Jahr 2030 könnten die durch den Klimawandel verursachten Schäden dann bei zwei bis drei Milliarden liegen - und das bei einer vorsichtigen, konservativen Schätzung, so der Ökonom und CCCA-Vorstandsmitglied.

Jürgen Schneider, Klima-Experte im Umweltbundesamt, erinnerte daran, dass Österreich als EU-Mitglied ohnehin eine juristisch verbindliche Pflicht hat, seine Treibhausgase zu vermindern. Österreich muss demnach im Nicht-Emissionshandelsbereich, also beispielsweise im Straßenverkehr, seinen CO2-Ausstoß von 2021 bis 2030 um 36 Prozent gegenüber 2005 zu reduzieren. Zudem habe man sich durch die Ratifizierung des Pariser Abkommens auch zu einem weitgehenden Verzicht auf fossile Energie bis Mitte des Jahrhunderts bekannt.
 
Eine "mittel- und langfristige Strategie" für diesen Verzicht bis 2050, auch Dekarbonisierung genannt, wünschte sich die oberösterreichische Biologin und frühere Sekretärin des UNO-Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) Renate Christ von der kommenden Regierung. Schneider empfahl dazu eine aufkommensneutrale ökosoziale Steuerreform in die Wege zu leiten, versehen mit einer "sich schrittweise steigernden CO2-Steuer".
 
Was das Thema CO2 betrifft, so erinnerte Gerhard Wotawa, Meteorologe an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und CCCA-Obmann, an das gestern von der Weltwetterorganisation (WMO) publizierte Treibhausgas-Bulletin mit dem Rekordwert an CO2-Konzentration in der Atmosphäre. "Eine derartige Konzentration gab es zuletzt von 3,5 Millionen Jahren, und da war es rund drei Grad wärmer als jetzt". In der nahen Zukunft werde die Klimaflucht ein Thema werden, prophezeite Wotawa. "In 30 bis 40 Jahren wird es die Frage sein, wo man im südlichen Teil der Erde noch leben kann - und der Süden beginnt im Mittelmeerraum". Und nicht zuletzt sei "Klimastress" auch in der Vergangenheit Ursache für Revolutionen oder politische Umstürze gewesen, so der Experte. Diese, wenn sie sich zukünftig etwa im Nahen Osten abspielen, würden dann infolge der daraus resultierenden Fluchtbewegungen auch für Europa relevant werden.
 
(Schluss) ad/sws