Fotos zum Science Talk: "Jede/r ist alles?! Wie Identitäten entstehen und welche Bedeutung sie haben" vom 20.3.2017

Fotocredits: Tom Wagner

 

 

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Wien (APA-Science) - Ein pausenloser Gegencheck mit der Umwelt formt unsere Identität. Welche Rolle dabei Faktoren wie Geschlecht, Heimat oder die wirtschaftliche Situation spielen, haben heimische Wissenschafter bei einem vom Wissenschaftsministerium veranstalteten "Science Talk" beleuchtet.

Einig waren sich die Experten, dass Identität etwas Prozesshaftes ist, das immer wieder angepasst werden muss, und nichts Festgelegtes. "Das gilt auch für Männlichkeit und Weiblichkeit", erklärte Andrea B. Braidt, Vizerektorin für Kunst und Forschung der Akademie der bildenden Künste Wien. Neben Frisur und Kleidung könne man auch durch Mimik oder Gestik Einfluss auf die Geschlechts-Wahrnehmung nehmen. "Diese Prozesse sind aber nur teilweise bewusst. Das ist nichts, was man sich nach dem Aufstehen umwirft", so Braidt.

"In der Medizin sind wir schon froh, wenn das Geschlecht überhaupt berücksichtigt wird - etwa bei der Medikamentenwirkung. Schließlich gibt es biologische Unterschiede", sagte Alexandra Kautzky-Willer, Gendermedizinerin an der Medizinischen Universität Wien. Dennoch könnten Pharmazeutika nicht für alle noch so kleinen Schattierungen getestet werden. Sie sieht derzeit außerdem bei Jugendlichen einen stärkeren Ansturm auf Ambulatorien wegen Transgender-Angelegenheiten. "Einer von zehn will dann tatsächlich einen Eingriff, neun aber nicht. Das ist schon fast eine Modeerscheinung, wie sich auch an immer androgyneren Models zeigt", meint Kautzky-Willer.

Leidensdruck entstehe, wenn man normierten Identitäten nicht entspreche, ergänzte Braidt. Das sei beispielsweise bei der Geschlechteridentität enorm verunsichernd. Als "binär gegenderte und stark normierende Regulatorien" nannte sie etwa WCs. Auf eine Kernidentität verwies Josef Christian Aigner vom Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung an der Universität Innsbruck. Viele würden schon von Anfang an spüren, dass sie im falschen Körper stecken. Generell halte er nichts davon, dass Identität immer neu hergestellt werden müsse, vielmehr gehe es um ein Ausbalancieren.

Heimat-Begriff ist in Bewegung

Neben dem binären System Mann-Frau sei auch der Heimat-Begriff in Bewegung, erklärte Simone Caroline Egger vom Institut für Kulturanalyse an der Universität Klagenfurt: Dabei gehe es um ein Netz an Freunden, Orten, usw., wo man zugehörig sein könne. Fluchtbewegungen würden derzeit negativ wahrgenommen. "Darstellen könnte man das aber auch als Millionen Menschen auf der Suche nach Heimat, die sich deswegen in einer Identitätskrise befinden", sagte Egger. Auch Aigner macht sich um die Behandlung dieses Themas Sorgen: "Beim Begriff Heimat segelt ein Gutteil der Jugendlichen in bestimmten politischen und populistischen Lagern." Ähnliches gelte für Nationalismus und Religion. Einfache, haltgebende Antworten seien derzeit sehr gefragt.

Einen die Identität bestimmenden Faktor stelle auch die wirtschaftliche Situation dar. "Bei der prekären Lage von vielen Jugendlichen und der hohen Arbeitslosigkeit wundere ich mich, dass noch nicht mehr passiert. Das signalisiert, wir brauchen euch nicht mehr und stellt eine massive Verletzung der Würde dar", gab sich Aigner überzeugt.