Fotos zum Science Talk: „Nahrungsaufnahme – Ersatzreligion – Lifestyle. Was macht Essen so komplex?“

Fotocredits: Tom Wagner

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Wien (APA-Science) - "Du bist, was du isst": Nichts verrät mehr über die Identität des Menschen als seine Ernährungsgewohnheiten. Während die Nahrungsaufnahme in unseren Breiten für die einen zur hochkomplexen Angelegenheit, gar zur Religion erhoben wird, verzichten andere in punkto Lebensmittel auf jedwede Reflexion. Für mehr Eigenverantwortung der Konsumenten, mehr Mäßigung bei Fleisch und mehr Ruhe beim Essen plädierten Experten bei einem vom Wissenschaftsministerium veranstalteten "Science Talk" in Wien.

Gut zu essen und zu trinken mache den Menschen glücklich. "Essen spricht eine gewisse Transzendenz an - im Essen suchen und finden alle Menschen etwas Religiöses. Hier spiegeln sich auch Sehnsüchte nach Sinn, nach Erfüllung wieder", meinte der Ernährungsethiker Michael Rosenberger vom Institut für Moraltheologie der Katholischen Privatuniversität Linz. Ernährung betreffe aber alle großen ökologischen Herausforderungen, von der Verteilungsfrage von Lebensmitteln und Phänomenen wie Landgrabbing bis hin zu Gesundheit und Tierschutz.

Ernährung als gesellschaftlicher Spiegel?

Im 17. Jahrhundert wiesen Reiche durch reichlich Körperfülle auf ihr gesellschaftliches Gewicht hin, während Arme nichts auf den Rippen hatten. Heute ist es umgekehrt: Übergewicht ist zu einer Frage von Bildung und sozialer Biografie geworden. "59 Prozent der Europäer sind bereits adipös", wies Sandra Holasek, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung und Ernährungsforscherin an der Medizinischen Universität Graz, auf die alarmierende Entwicklung hin. Das Grundübel liege in minderwertigem Essen und dem Konsum von großteils industriell verarbeiteten Lebensmitteln. "Das ist eine Herausforderung für den Körper." Sie legte große Hoffnung in evidenzbasierte Ernährungsphysiologie, an der dank großer Datenmengen erstmals geforscht werden könne.

Vegan, glutenfrei, laktosefrei: Auch die Zahl jener, für die Ernährung zum Hobby und Lifestyle mutiert, steigt. "In Österreich wird in Relation zu den diagnostizierten Laktoseintoleranzen ein zigfaches an laktosefreier Milch verkauft", betonte Martin Wagner vom Institut für Milchhygiene an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Angesichts der Flut an "Frei von"-Produkten sei Aufklärung unter den Konsumenten gefragt, meinte Holasek. Eine bessere und verständlichere Kennzeichnung von Inhaltsstoffen forderte wiederum Wagner, um Betroffenen, die an echten Unverträglichkeiten leiden würden, das Leben zu erleichtern.

"Die Lebensmittelbranche reagiert nur auf die Wünsche der Konsumenten - wer bei sensiblen Produkten eine Haltbarkeit von sechs, sieben Wochen will, muss Zusatzstoffe in Kauf nehmen", so Wagner, der betonte, dass generell die Sicherheit und Qualität der Lebensmittel so hoch sei wie nie zuvor sei und mehr Eigenverantwortung der Konsumenten einforderte.

Viel Lebensmittel-Wissen ging verloren

Die Saisonalität von Lebensmitteln müsse wieder stärker berücksichtigt werden. Viel Wissen um den Umgang und die häusliche Verarbeitung von Lebensmitteln sei verloren gegangen. Auch aus theologischer Sicht stecke in saisonalen Gerichten eine Menge an Kultur. "Seit tausend Jahren gibt es bestimmte Speisen an gewissen Festtagen, wie die Martinsgans. Das macht das Leben reicher", erläuterte Rosenberger, der sich für jede Schule "als wichtigsten Bildungsraum" eine Küche wünschte.

Nüchtern beurteilte der Sicherheitsexperte Wagner die Diskussion um den weltweit steigenden Fleischbedarf. "Wenn diese Mengen nachgefragt werden, muss man sie produzieren. Konsumenten dürfen sich dann aber keinen Illusionen hingeben, wie diese Produktion aussieht", verwies er auf die explodierende Nachfrage nach Fleisch-und Milchprodukten in China.

"Machos essen Fleisch"

Der Mensch sollte von seinem Recht auf freie Selbstbeschränkung Gebrauch machen, regte Rosenberger an und plädierte dafür, Fleisch nur gezielt zu essen und sich anzusehen, wo das Tier herkomme. Hier ortete auch Holasek eine große Chance für regionale, nachhaltig orientierte landwirtschaftliche Betriebe. Detail am Rande: Ein egalitäres Geschlechterbild führt laut Rosenberger zu einem reduzierten Konsum von Schnitzel & Co.: "Machos essen Fleisch".

Wie man den Fleischkonsum eines ganzen Landes senken kann, machte die Schweiz vor: Nach einer positiv ausgefallenen Umfrage vor fünfzehn Jahren, ob die Bevölkerung höhere Fleischpreise im Gegenzug für bessere Tierhaltung akzeptieren würde, verteuerte sich Fleisch und der Konsum pro Kopf ging um 15 Kilo jährlich zurück.

(Schluss) sym/asc