Fotos zum Science Talk: „Wo es uns hinzieht und was wir dort finden – Lebensqualität in Stadt und Land“

Fotocredits: Tom Wagner für BMWFW

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Sehnsuchtsort "Bauernhof am Stephansplatz"

Wien (APA-Science) - In der Stadt sei im Unterschied zum Dorfleben eine "partielle Integration" möglich, am Land müsse man sich entweder "auf alles einlassen oder man nimmt an nichts teil", sagte Jens Dangschat vom Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung der Technischen Universität (TU) Wien bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Wo es uns hinzieht und was wir dort finden - Lebensqualität in Stadt und Land" in Wien.

Der Wunschlebensraum hänge unter anderem von den jeweiligen Wertvorstellungen, Rollenbildern von Frauen oder auch beruflichen Vorstellungen ab, so der emeritierte TU-Professor im Rahmen des vom Wissenschaftsministerium (BMWFW) veranstalteten "Science Talk" in der Aula der Wissenschaften. Im Zentrum der Diskussion stand unter anderem die Frage nach "Wunschlebensorten" und ob sich Menschen überhaupt dafür eignen, in großen Städten zu leben.

Herausforderungen des Lebens in Städten

Das Bedürfnis nach Natur mit den Annehmlichkeiten der Stadt zu verbinden, beziehungsweise sich für ein Entweder/Oder zu entscheiden, hänge von sehr vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von ökonomischen, so die an der Universität Wien tätige Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher. Antworten darauf, was das Stadtleben überhaupt von den Menschen fordert, könne es aus biologischer Sicht noch keine geben. Evolutionsbiologisch betrachtet würden Städte erst seit einem "Fingerschnipser" bestehen, da von Evolutionsbiologen beobachtete Zeiträume normalerweise sehr viel länger seien.

Wie mit dem Leben in der Stadt umgegangen werden müsse, darauf seien deshalb soziale und kulturelle Antworten gefragt. Durch das Zusammenleben von sehr vielen Menschen seien die Anforderungen an das menschliche Gehirn sehr komplex: "Es ist schaffbar, aber wir müssen uns dafür verbiegen", meinte die Buchautorin, die auch als Mitglied der Wissenschafts-Kabarettisten "Science Busters" einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist.

Nachbarschaftliche Strukturen seien allerdings auch für Städte essenziell, nicht nur für das Leben am Land, ohne Interaktion entstünde "komplette Anonymität". Damit einher gingen Probleme mit unerwünschtem Verhalten wie Vandalismus oder Kriminalität, führte Oberzaucher aus. Wichtig für ein funktionierendes Zusammenleben in der Stadt sei auch die bauliche Gestaltung der Stadt und das gezielte Miteinbedenken von Naturelementen.

"Stadt verspricht Freiheit", ist wiederum der Soziologe und Kulturanthropologe Roland Girtler, der selbst am Land aufgewachsen ist, überzeugt. Viele Institutionen des Landlebens wie etwa Nachbarschaften oder alte Bauernwörter seien mit dem vermehrten Wegzug aus der Dorfgemeinde verloren gegangen.

Unvereinbarkeit von Vorlieben

Wo die Grenze zwischen Stadt und Land anzusetzen sei und ob es sie überhaupt noch gebe, warf Diskussionsleiter Tarek Leitner (ORF) auf. Es entstünden riesige Hybridstrukturen im sogenannten Speckgürtel, wo "die Leute die Nachteile der Stadt mit den Nachteilen des Landes verbinden", so Leitner.

 Diese Entwicklungen liegen laut Oberzaucher daran, dass es weder am Land noch in der Millionenstadt gelinge, die menschlichen Bedürfnisse hundertprozentig zu befriedigen. Einfamilienhäuser am Rand von Städten, in den Speckgürteln würden immer wieder als Lösung für dieses Problem gesehen, so Oberzaucher. Sie seien der Versuch, die Vorzüge von Land und Stadt zu kombinieren, und dem Ideal "Bauernhof am Stephansplatz" möglichst nahe zu kommen. Dadurch "entstehen dann diese Notlösungen, diese Hybride, die unter Umständen noch viel weniger glücklich machen als die Ursprungszustände". Überschaubare kleinteilige Strukturen am Land böten ein soziales Netz, die "Freiheit der Anonymität" sei aber eher in der Stadt gegeben.

Strategien und Planung

"Der Zuzug in die Städte ist hoch, gleichzeitig werden immer mehr Flächen am Land verbraucht", so Leitner. Für eine bessere Übersicht über die Flächenverbauung und Koordination bräuchte es überregionale Planungseinheiten, so Dangschat. Neue Organisationsformen des Lebens auf dem Land und gezielte finanzielle Förderungen seien gefragt. Um nicht nur eine wirtschaftlich optimale Nutzung der Flächen sondern auch Nachhaltigkeit im Auge zu behalten, seien auch Anreize nicht zu Bauen dringend nötig, damit Gebiete naturnah belassen werden können.