Nachlese Science Talk "25 Jahre Mauerfall - Ende der Ideologien?"

Der Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren und in der Folge der kommunistischen Systeme wurde von manchen Beobachtern als „Ende der Geschichte“ und als Triumph der westlich-aufgeklärten marktwirtschaftlichen Demokratie empfunden. Scheinbar war das Ende der Ideologien mit dem friedlichen und überraschend abrupten Zusammenbruch des Realsozialismus eingeläutet worden. Heute sei von dem Optimismus, den hohen Erwartungen und dem Aufbruchsgefühl von 1989 nicht mehr viel übrig. Neue nationalistische und extremistische Tendenzen machten sich breit und eine multipolare Welt mit vielen Krisenherden folgte dem Kalten Krieg. Was blieb von den Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchten der „Wendezeit“? Ist mit dem Staatskommunismus tatsächlich die Ära der Ideologien zu Ende gegangen? Darüber diskutierten bei diesem Science Talk in der mit rund 240 Personen voll besetzten Aula der Wissenschaften:

Univ.-Prof. Mag. DDr. Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien; Hamed Abdel-Samad, M.A., deutsch-ägyptischer Politologe; Dr. Susanna Scholl, freie Journalistin und 1989 ORF-Auslandskorrespondentin in Bonn; Dr. Ljiljana Radonic, APART-Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit Forschungsschwerpunkt Erinnerungspolitik in Ostmittel- und Südosteuropa.
Moderiert wurde dieser Science Talk von Andreas Schwarz, Leiter des Auslandsressorts der Tageszeitung Kurier.

Dr. Scholl erzählte von ihren unmittelbaren Erlebnissen beim Mauerfall in Deutschland: Die Nachricht sei für sie wie für viele andere völlig überraschend gekommen, sie habe zuerst an eine Fehlinformation geglaubt. Für ihre Generation, die mit einem genau reglementierten Freund-/Feind- beziehungsweise Ost-/West-Schema aufgewachsen sei, habe sich mit dem Mauerfall ein lange gehegter Wunsch erfüllt. Sie habe zu dieser Zeit an einigen Reportagen über die Übersiedlungswellen von DDR-Bürgern in den Westen mitgearbeitet. Ihrer Einschätzung nach wären selbst führende Politiker Europas von der raschen Wende überrumpelt worden. Man habe einige Zeit gebraucht, um brauchbare Pläne für die Transformation dieser Staaten zu entwickeln.

Dr. Rathkolb betonte, dass die Wende an sich ein Sieg für das westliche demokratische System gewesen sei. Die Euphorie darüber sei aber sehr rasch verflogen und den Problemen des Alltags in den postsowjetischen Staaten gewichen. Es gebe heute heftige Kontroversen um die geschichtliche Einordnung der kommunistischen Ära in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Man habe vor einigen Jahren Meinungsumfragen zur Transformation in diesen Ländern durchgeführt. Die Ergebnisse seien interessant und alarmierend zugleich: Am positivsten würde die postkommunistische Phase in Polen und in der Tschechischen Republik beurteilt. Am schlechtesten sähe die Mehrheit der Ungarn die Wende - für die meisten Ungarn habe der Übergang in ihrer Wahrnehmung keine persönliche Verbesserung bedeutet, die alten Machteliten seien weiterhin in ihren Positionen verblieben. Viele würden die Machtübernahme der Fidesz-Partei unter Viktor Orbán als die wahre Wende ansehen. Mit 1989 beginne eine neue globale Ordnung, Trends der „negativen Globalisierung“ setzten sich durch. Soziale Ungleichheiten seien deutlich hervorgetreten. Man habe einen scheinbaren Sieg der Demokratie erlebt, gleichzeitig seien durch die Schwierigkeiten der Transformation und die wirtschaftliche Frustrierung weiter Teile der Bevölkerung neue Strömungen entstanden.

Dr. Radonic zu den Identitäts- und Erinnerungskonflikten in den postkommunistischen Staaten: In fast allen dieser Staaten gäbe es die Tendenz, sich auf eine „goldene“ vor-sozialistische Ära zu beziehen. Dies schaffe nationale Geschichtsmythen und Erzählungen unterschiedlichster Ausprägung. In der Tschechischen Republik beispielsweise berufe man sich auf die Ära der Zwischenkriegszeit.

Hamed Abdel-Samad zur Frage, ob es auch positive Deutungen von Ideologie gebe: jede Ideologie sei richtig und positiv aus Sicht ihrer Vertreter. Er sehe die großen Ideologien im Zusammenhang mit dem Ende des ersten Weltkriegs und der europäischen Großmächte. Anstelle der Monarchie seien umfassende Ideologien mit quasi-religiösem Charakter und Alleinvertretungsanspruch getreten. Faschismus, Kommunismus und auch der Islamismus seien Gegenentwürfe zur Aufklärung und zur Moderne. Heute könne man eine Wiedergeburt von Ideologien beobachten, vor allem in Ländern mit anhaltenden sozialen und wirtschaftlichen Problemen und einer hohen Unzufriedenheit in der Bevölkerung, so zum Beispiel im arabischen Raum. In diesen Ländern fehle es an demokratischen Kulturen und einem breiten Bildungsbürgertum als Träger der Demokratie.

Dr. Scholl zu Putin und dessen ideologischem Programm: Putin sei im KGB groß geworden, seine Politik ziele einzig und allein auf Machterhalt und Kontrolle ab, es liege kein ideologisches Programm zugrunde. In ganz Osteuropa sei nach der Wende ein Machtvakuum entstanden. Dieses werde von unterschiedlichsten Politikern gefüllt, deren Programm bestimmte nationalistische Stereotype bediene. Sie sei erst vor kurzem in Moskau gewesen und von der derzeitigen russischen Fernsehberichterstattung schockiert. Die Einseitigkeit und Manipulation des russischen staatlichen Fernsehens sei vergleichbar mit dem der DDR kurz vor deren Auflösung.

Dr. Radonic sagte dazu, dass Russland ein Sonderfall sei: Man bediene sich eines russischen Geschichtsmythos, der von alter Größe und dem Großmachtanspruch Russlands in der gesamten Region lebe, um einen aggressiven, expansionistischen Nationalismus zu legitimieren. Viele Eliten und auch Bürger im Westen hegten für Putin oder ähnliche autoritäre Herrscher Sympathien oder beneideten diese für ihre Machtfülle. Untersuchungen zeigten, dass auch im Westen ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung mit einer autoritären Führung kein Problem hätte.

Dr. Rathkolb sprach die Probleme Europas mit der Bewältigung seiner ideologischen Vergangenheit an. In Europa gebe es heute keine richtigen Ideologien mehr, jede Partei kämpfe um die „Mitte“ und den Mittelstand der Gesellschaft. Der arabische Raum, Russland und Osteuropa hätten eine wesentlich schlechtere Ausgangsposition für ihre Transformation als dies die westeuropäischen Staaten nach 1945 gehabt hätten. Westeuropa sei kontrolliert und mithilfe riesiger Hilfsgelder und Investments wiederaufgebaut worden, der wirtschaftliche Aufschwung habe sich sehr schnell nach Ende des 2. Weltkrieges eingestellt. Im postsozialistischen Raum verlaufe der wirtschaftliche Aufschwung auch 25 Jahre nach der Wende sehr schleppend und mit vielen Einbrüchen. Auch die EU sei in ihrer Entwicklung dort steckengeblieben, wo sie schon vor 10 Jahren gewesen sei.
Auch die Erwartungen in die digitale Revolution und ihr Potential, eine transparentere, demokratischere Gesellschaft zu generieren, seien überzogen gewesen – dies lasse sich am Verlauf des arabischen Frühlings sehr gut zeigen. Die Überwachung und Kontrolle einer Gesellschaft funktioniere am besten über diese Instrumente.

Dr. Scholl: Putin und andere, ähnliche Führungspersönlichkeiten böten vor allem populistische Politik. Man verspreche der Bevölkerung falsche Sicherheiten und gebe einfache Antworten auf komplexe Fragen. Gleichzeitig lenke man durch die Konstruktion eines äußeren Feindes von inneren Problemen ab. Man biete der Bevölkerung keine Ideologie im herkömmlichen Sinn, aber ein Setting von Ideen und nationalen Codes, die von den alltäglichen Problemen ablenken. Extremistische Ideologien würden eine Gemeinschaft und einen momentanen Ausweg, aber kein zukunftsfähiges Programm bieten.

Hamed Abdel-Samad: In der überwiegend jungen Bevölkerung der arabischen Staaten gebe es eine Sehnsucht nach Ideologien. Man glorifiziere daher die Ära vor hunderten Jahren, in der Muslime in Wissenschaft und Technik führend waren und militärische Erfolge erzielten. Islamisten versuchten, die muslimische Bevölkerung in ein moralisches Korsett zu zwängen – für viele junge, frustrierte Muslime, die mit den Ambivalenzen der Moderne überfordert seien, sei dies ungeheuer attraktiv. Ideen hätten immer das Potential, eine Eigendynamik zu entwickeln, sich zu verselbstständigen und Massenphänomene zu werden. Islamisten lebten von der Idee ihres göttlichen Auftrags und dem Bestreben, dem westlichen Wertesystem die Stirn zu bieten – die westlichen Demokratien sollten die Gefährlichkeit dieser Tendenzen nicht unterschätzen.

Fragen
Bei der anschließenden Fragerunde wurde wiederholt der Begriff der Ideologie hinterfragt. Es wurden mehrere Definitionen genannt, das Podium betonte aber, dass auch die Verwendung des Begriffes heute relativ unreflektiert geschehe. Eine der gängigsten Definitionen sei die des „notwendig falschen Bewusstseins“.
Eine Frage betraf die Rolle der Intellektuellen: Warum melden sich diese so selten zu Phänomenen wie dem IS und der Re-Ideologisierung in den postkommunistischen Staaten zu Wort?
Hamed Abdel-Samad antwortete, dass Islamkritik seitens der Politik in den letzten Jahren verpönt gewesen sei. Profunde Islamkenntnisse hätten nur wenige Politiker in Westeuropa, deshalb hielten sich diese auch zurück, um sich nicht den Vorwurf der Ahnungslosigkeit einzuhandeln. Ein wichtiger Faktor sei auch der Wirtschaftsopportunismus Europas. Der europäische Wirtschaftssektor mache gute Geschäfte zum Beispiel mit Saudi Arabien und Katar und natürlich mit Russland und halte sich mit Kritik an den dortigen Zuständen zurück, um diese Geschäfte nicht zu gefährden.

Audio-Mitschnitt

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Fotos zum Science Talk finden Sie hier