Nachlese Science Talk "Das Erbe von Sarajewo - Lebt das Friedensprojekt Europa?"

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Die Tatsache, dass wir heute in einer vereinten, befriedeten Europäischen Union leben, lässt oft die enorm konfliktgeladene Geschichte des Kontinents Europa vergessen. An den Rändern der EU gibt es jedoch noch oft Auseinandersetzungen. Wie kann man heute Kindern die dunklen Seiten der Geschichte unserer europäischen Heimat auf verständliche Weise näher bringen? Wie nahe sind uns, nicht nur im heurigen Gedenkjahr, die Vorgänge, die zur „Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ führten? Diese Fragen wurden am 2. Juni 2014 im Rahmen eines Science Talks des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft in Zusammenarbeit mit dem ORF in der Aula der Wissenschaften erörtert.

 
Fotocredit: Julie Radinger
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Der Moderator, Mag. Robert Gokl, Autor und ORF-Redakteur leitete mit dem Hinweis, dass das ständig gefährdete und umkämpfte Friedensprojekt Europa ein Thema sei, das alle Europäer/innen gleichermaßen betreffe, ein. In seiner Jugend habe es noch viele Zeitzeugen des 2. Weltkrieges gegeben, die von den Wirren dieser Zeit erzählt hätten. Die Menschen in Europa seien sich vor 1989 auch der ständigen Bedrohung durch den Blöcke-Konflikt bewusst gewesen und hätten diesen als latente Kriegsgefahr wahrgenommen. Heute spüre er auch bei seinen eigenen Söhnen ein gewisses Desinteresse und eine Distanz gegenüber der Geschichte Europas. Es sei ein Glück, dass die drei letzten europäischen Generationen ohne direkte Kriegserfahrungen aufgewachsen seien. Es bestehe die Gefahr, dass Frieden in Europa als selbstverständlich wahrgenommen werde. Dass dem nicht so sei zeigten die aktuellen Konflikte an Europas Grenzen. Der Friede müsse jeden Tag, auch durch geschichtliche  Aufklärungsarbeit bei den jungen Europäer/innen, aufs Neue verteidigt werden. Er eröffnete das Podium mit einer Frage an Maximillian Hohenberg, MSc, Urenkel des ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand: Wie nimmt er das geschichtliche Erbe seiner Familie wahr, und wie wurde und wird sein Urgroßvater innerhalb der Familie gesehen?

Maximillian Hohenberg, MSc, dazu: Ihm seien als Kind viele Geschichten über seinen Urgroßvater erzählt worden, er habe noch Zugang zu Zeitzeugen gehabt. Für seine Familie sei das Attentat am 18. Juni 1914 in Sarajewo eine Zäsur gewesen - es habe drei Waisen, darunter seinen Großvater, hinterlassen. Weder er noch sonst jemand in seiner Familie habe jemals besonderen Hass beim Gedanken an die Attentäter verspürt, eher Trauer und Leere. Die Attentäter seien in der Familie als fehlgeleitete, fanatisierte Halbwüchsige gesehen worden. Für die Waisenkinder habe das Ende des Krieges den Zusammenbruch „ihrer Welt“ und das Ende ihrer gesellschaftlichen Stellung bedeutet. Ihr katholischer Glaube sei eine Stütze bei allen Prüfungen danach gewesen. In seiner Familie sei das Bild des Thronfolgers sicher verklärt worden, er beobachte aber seit längerem, dass sich das offizielle Bild Franz Ferdinands von dem eines bigotten, schießwütigen Kriegstreibers zu einem differenzierteren, positiveren hin entwickle. In den Familiengesprächen sei ihm gegenüber immer wieder betont worden, dass Franz Ferdinand ein bewusster Familienmensch gewesen sei. Eine politische Bilanz zu ziehen, falle ihm noch schwer. Nationalismus jedenfalls habe es im Denken seiner Familie nie gegeben – weder kroatischen, noch ungarischen. Auch den aufkeimenden deutschen Nationalismus habe man als befremdlich empfunden.
In den 1990er Jahren habe er selbst den Zusammenbruch Jugoslawiens vor Ort miterlebt. Er habe gesehen, wie sich Zivilisation innerhalb weniger Tage durch Auflösung von Staatlichkeit und Versorgungsengpässe in Barbarei verwandelt habe. Dass dies im Ernstfall auch bei uns möglich wäre, müsse einem bewusst sein.

Mag. Gordana Ilić Marković vom Institut für Slawistik der Universität Wien erzählte von ihren Erfahrungen als „Serbin“ in Österreich. Sie habe sich, als sie vor dem Ausbruch des Krieges nach Österreich gekommen sei, als Jugoslawin gesehen, erst hier sei sie zur “Serbin“ erklärt worden. In der österreichischen Öffentlichkeit herrsche vielfach noch immer das Bild der Serben als „Mörderbande“ vor. Es zeige sich ein altes Muster der pauschalen Verurteilung: Auch der Mörder des Thronfolgers Franz Ferdinand, Gavrilo Princip, sei sofort nach dem Attentat zum „Serben“ stilisiert worden, obwohl er bei seinen Vernehmungen explizit ausgesagt habe, er sei Jugoslawe. Vor dem Attentat seien die Serben in den österreichischen Zeitungen als orthodoxes Volk der Monarchie dargestellt worden, danach nur mehr als ethnische „Serben“.
Bei ihren Studien zur Geschichte Serbiens habe sie bemerkt, dass der 1. Weltkrieg von der unmittelbar beteiligten Generation nicht zu einem großen Thema gemacht worden sei. Erst später sei er von Generationen von nicht direkt am Krieg Beteiligten aufgegriffen und mythologisiert worden, besonders im Tito-Jugoslawien. Zur Frage der geschichtlichen Aufarbeitung für die jungen europäischen Generationen sagte Frau Marković, dass sie ständig überall in Europa junge, unzufriedene und gewalttätige Männer wie Princip sehe - ob in den Banlieues in Paris oder auch in den Außenbezirken Wiens. Europa sei nicht so friedlich, wie es immer den Anschein mache. Durch Bekannte in Bosnien habe sie Einblick in die instabile politische Lage dort, sie befürchte einen neuerlichen kriegerischen Konflikt in ihrer alten Heimat.

Wie kann man aus heutiger Sicht den Kriegsausbruch einschätzen – waren die Attentäter kausal dafür verantwortlich oder hätte man auch einen anderen Anlass für den Krieg gefunden?
Dr. Gregor Mayer, Historiker und Journalist bei „Profil“ und der Tageszeitung „Der Standard“ sowie DPA-Korrespondent in Budapest, erklärte, dass dies „die Gretchenfrage“ der Forschung zum Ausbruch des 1. Weltkrieges sei. Das Attentat auf den Thronfolger sei einer von zahlreichen politischen Morden am Balkan dieser Zeit gewesen. Die Frage, was passiert wäre, wenn Princip nicht geschossen hätte, könne einfach nicht beantwortet werden und sei reine Spekulation. Österreich-Ungarn habe als multi-ethnisches Reich eine exponierte, stets gefährdete Stellung innerhalb des europäischen Konzerts der Mächte eingenommen. Die nach nationalen Kriterien eingerichteten, konsolidierten Großmächte hätten schon lang vor Kriegsbeginn auf den Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie geschielt. Dieses habe als multi-ethnisches Reich per se kein Interesse an nationalen Bewegungen  haben können, dies habe Widerstand erzeugt. Das Attentat habe als Anlass für viele politische Entscheidungen danach fungiert.

Mag. Robert Gokl lud das Publikum in einer Fragerunde ein, eigene Einschätzungen abzugeben und Fragen zu stellen. Mag. Gokl meinte, bis 1914 sei der Krieg als Fortführung der Politik mit anderen Mitteln allgemein gebilligt worden. Diese Sichtweise habe sich spätestens 1945 zur Losung „Nie wieder Krieg!“ gewandelt. Heute gebe es seit Jahrzehnten keine/n Politiker/in mehr, der/die selbst noch Kriegserfahrungen gemacht habe. Krieg sei zu einem fernen, unbegreiflichen Phänomen geworden. Mehrere Zuhörer/innen verwiesen auf die jüngsten Konflikte in der Ukraine und an die nach wie vor instabile Lage in Teilen des Balkans. Die aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Krisenerscheinungen in der EU würden überwiegend als Sicherheitsrisiko und Hypothek für zukünftige Generationen wahrgenommen. Krieg, der nach 1989 in Europa als unvorstellbar gegolten habe, trete an den Grenzen plötzlich wieder auf. Maximilian Hohenberg bezeichnete sich als überzeugten Europäer und antwortete: das Friedens- und Sozialprojekt EU sei nicht gescheitert - natürlich sei die europäische Integration ein „herumhantieren“ an einem nicht perfekten Modell, aber verglichen mit früheren Generationen habe man als Europäer eine hohe Chance auf soziale Sicherheit. Es sei auch etwas anderes, Geld durch eine Finanzkrise zu verlieren, oder aber wie die Generation der Weltkriegsteilnehmer sein Leben für Großmachtpolitik zu verlieren.  Mag. Marković sagte, dass der Balkan und seine Zukunft ein eigenes, schwieriges europäisches Kapitel darstellten. Ein altes Sprichwort dort laute, dass der Balkan mehr Geschichte habe, als ihm gut tue. Die EU sei befriedet - Europa sei aber nicht friedlich. Es sei unzulässig, diese beiden Begriffe gleichzusetzen.