Nachlese Science Talk "Ethik in Wissenschaft und Technologie"

Neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Genetik, insbesondere deren Anwendung in der Pränataldiagnostik, werfen nicht selten moralische Fragen auf. Doch nicht nur Naturwissenschaftler_innen stehen vor ethischen Problemen. So kann beispielsweise bereits die Auswahl einer Forschungsfrage von finanziellen Überlegungen geleitet werden und nicht nur rein wissenschaftlichen Kriterien unterliegen.

Wie viel Moral darf sich erkenntnisorientierte Wissenschaft leisten oder wie hemmend sind ethische Bedenken für die Wissenschaft? Diese und andere Fragen standen im Zentrum des „Science Talk“ des BMWF am 11. November in der Aula der Wissenschaften. Unter der Moderation des Chefredakteurs von Falter/Heureka Christian Zillner diskutierten der Philosoph Univ.-Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann, der Genetiker und stellvertretende Vorsitzende der österreichischen Bioethik-Kommission Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger und der Moraltheologie und Mediziner Univ.-Prof. DDr. Matthias Beck über „Ethik in Wissenschaft und Technologie“. 

Konrad Paul Liessmann ortete eine grundsätzliche Dissonanz zwischen Wissenschaft und Moral. Während die reine Wissenschaft für ihn der Wahrheit verpflichtet ist, gibt die Moral Schranken für den Erkenntnisdrang vor. Daher stehen diese beiden Bereiche für Liessmann in einem fundamentalen Widerspruch. Im Bereich der Technologieanwendung muss es aus seiner Sicht allerdings sehr wohl einen gesellschaftlichen Konsens darüber geben, welche wissenschaftlichen Ergebnisse tatsächlich umgesetzt und angewandt werden. In diesem Bereich müsse der „moralische Grenzbereich der Gesellschaft“ respektiert und angewendet werden.

Auch Markus Hengstschläger betonte die Bedeutung eines gesellschaftlichen Diskurses über die Rolle der Ethik in der Wissenschaft. Grundsätzlich sei gerade bei neuen Technologien ein besonders großer Abwehrmechanismus der Gesellschaft spürbar.Er wünschte sich, dass sich bereits beim Aufkeimen einer neuen Idee und nicht erst mit der Veröffentlichung einer Publikation eine Gruppe aus Wissenschaftler_innen, Medien und Politik bildet, die die damit verbundenen ethischen Herausforderungen diskutiert. Die Notwendigkeit einer transdisziplinären Zusammenarbeit wird aber auch durch die zunehmende Komplexität von Forschungsfragen bedingt. Laut Hengstschläger wünschen sich in diesem Zusammenhang auch Naturwissenschaftler_innen selbst immer häufiger eine Begleitung durch Moralphilosoph_innen oder Ethiker_innen im Forschungsprozess. Dabei ist es für Hengstschläger vor allem wichtig, Regeln für den Umgang mit neuen Technologien zu entwickeln, um eine unerwünschte oder missbräuchliche Verwendung auszuschließen. In dieser Hinsicht sieht er Ethik auch nicht als „Verhinderer“, sondern als „Ermöglicher“ der praktischen Anwendung von Forschungsergebnissen.

Auch Matthias Beck sieht die Ethik keineswegs als Einschränkung des Erkenntnisstrebens von WissenschaftlerInnen. Da er Ethik als Güterabwägung versteht, sind für ihn auch die Auswahl der Forschungsfrage oder die Entscheidung welche Ergebnisse publiziert werden ethische Themen. In diesem Zusammenhang plädiert er vor allem dafür, auch Misserfolge zu veröffentlichen und transparent zu machen.

In der Diskussion mit dem Publikum kritisierte Beck vor allem, dass der  in der Medizin lange Zeit vorherrschende Dreiklang aus Diagnose,  Therapie und Prophylaxe nicht mehr aktuell sei. Vielfach würden pränatale Untersuchungen als Mittel zur Selektion und nicht für eine mögliche Therapie herangezogen. Außerdem sei das Zusammenspiel der einzelnen Gene und der Umwelt so komplex, dass Ergebnisse von Gentests immer seltener eindeutig interpretiert werden können. In diesem Zusammenhang verwies Markus Hengstschläger auf eine Bestimmung des Gentechnikgesetzes, die das Recht auf Nicht-Wissen festschreibt. Unter diesem Gesichtspunkt muss vor allem sichergestellt werden, dass Bürger_innen eigenständig eine informierte Entscheidung treffen können.

Alle drei Vortragenden betonten, dass durch gesellschaftliche Diskussion sehr viele Entwicklungen, die nicht wünschenswert sind, verhindert werden können. Diese Wünsche der Bevölkerung seien für die Wissenschaft aber auch für die Wirtschaft als bindend anzusehen.

Abschließend äußerten alle drei Vortragenden den Wunsch, dass Veranstaltungen wie der Science Talk dazu beitragen, die Öffentlichkeit in die Diskussion ethischer Fragestellungen in der Wissenschaft einzubinden. Auch die Arbeit in österreichischen Ethikkommissionen sei weiterzuführen, um die hohen ethischen und moralischen Standards weiter zu entwickeln und auf europäischer Ebene zu implementieren. Im internationalen Wettbewerb solle Europa als  moralische Instanz und gegen eine Nivellierung der ethischen Standards nach unten auftreten.

APA-Meldung

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