Nachlese Science Talk: „Familienplanung neu – Zwischen Anspruch und Realität“

Im Zuge des moralischen Wandels unserer modernen Gesellschaften und immer neuer medizinisch-technischer Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin werden auch ethische Fragen der Familienplanung neu aufgeworfen.  Das kürzlich verabschiedete Fortpflanzungsmedizingesetz gibt künftig den rechtlichen Rahmen vor. Diesem Gesetz ist eine jahrelange Debatte, die die Komplexität dieses Themas widerspiegelt, vorausgegangen. Welche medizinisch möglichen Methoden sollen erlaubt sein? Wie kann man die Rechte von durch künstliche Befruchtung gezeugten Kindern für deren Zukunft sichern? Welche Wertigkeit hat das ungeborene Leben, und ab wann im Prozess der Schwangerschaft ist eine Ansammlung von Zellen ein Mensch?
Über diese hochaktuellen Fragen diskutierten bei diesem Science Talk:

Dr. Christiane Druml, Juristin, Bioethikerin und Vorsitzende der Bioethikkommission des Bundeskanzleramtes; Ass. Prof. DDr. Ulrike Kadi, Philosophin und Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin an der MedUni Wien; Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Katharina Leithner-Dziubas, Leiterin der psychosomatischen Frauenambulanz an der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie des AKH Wien und Dipl. Sozpäd. Olaf Kapella, Österreichisches Institut für Familienforschung (ÖIF). Moderiert hat Dr. Christian Zillner, Chefredakteur der Tageszeitung Falter.

Frau DDr. Kadi ging in ihrem Eingangsstatement auf gängige Vorstellungen von Familie ein.  Der Begriff Familie werde heute noch immer noch stark mit der Vorstellung einer „Keimzelle der Gesellschaft“ und der des gesellschaftlichen Hoffnungsträgers assoziiert. Eine weitere Vorstellung sei die eines Rückzugsortes von der äußeren Welt. Das neue Fortpflanzungsmedizingesetz sei Ausdruck eines Mangels – das Durchschnittsalter bei Erstgebärenden liege in Österreich heute bei etwa 29 Jahren, die Karriere- und Lebensplanung habe sich grundlegend geändert und die erste Schwangerschaft werde nun eher spät geplant. In früheren Zeiten hätten viele Kinder zur Normalbiografie der allermeisten Frauen gehört, die Tatsache, dass man heute die Anzahl der Kinder und den Zeitpunkt der Schwangerschaft plane, sei ein Ausdruck von besseren Lebensbedingungen und eines tiefgreifenden Wandels der Lebensumstände.

Herr Dipl. Sozpäd. Kapella: Die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg seien das „goldene Zeitalter“ der klassischen Familien gewesen. Mit der Erfindung der Pille als verlässliches hormonelles Verhütungsmittel habe ein gesellschaftlicher Wandel eingesetzt, der bis heute andauere und sich in einer gesunkener Fertilitätsrate und einem immer späteren Zeitpunkt für Schwangerschaften ausdrücke. Frauen investierten länger in die Ausbildung und wollten den Kinderwunsch später realisieren. Die Mehrheit der Paare wünsche sich zwei Kinder – viele dieser Kinderwünsche könnten aber nicht verwirklicht werden. Vielfach, weil dies aufgrund eingeschränkter oder fehlender Fruchtbarkeit eines Partners nicht möglich sei. Die Diskussionen um die rechtlichen Rahmenbedingungen der Reproduktionsmedizin spiegelten auch immer die gängigen Moralvorstellungen einer optimalen Familienkonstellation wider. Vor allem im deutschen Sprachraum sei dieses Familienbild sehr konservativ geprägt. Die Debatte, ob Hortbetreuung für Kinder unter drei Jahren gut oder schlecht für deren Entwicklung sei, oder ob Homosexuelle gute und vollwertige Eltern sein könnten, zeige, dass die Mehrheit der Österreicher/innen im internationalen Vergleich eine seiner Meinung nach konservative Familienpolitik präferiere.

Frau Dr. Druml verwies darauf, dass es verkürzt sei, die verringerte Anzahl der Geburten immer nur mit schnöden Karriereplanungen der Frauen zu erklären. Oft habe es damit zu tun, dass kein geeigneter Partner gefunden werde, der den Kinderwunsch auch mittrage. Die Reproduktionsmedizin und ihre Proponenten vermittelten oft den Eindruck, als sei eine späte Schwangerschaft problemlos möglich. Dies sei aber nur die halbe Wahrheit, weil die Chance auf ein Kind mit zunehmendem Alter rapide sinke. Viele Paare würden sich erst  dann umfassend beraten lassen, wenn die ersten Versuche der künstlichen Befruchtung, die vielfach im Ausland durchgeführt würden, fehlgeschlagen seien. Ein oft jahrelanges Bemühen, ein Kind zu bekommen, gehe meist mit sozialer Isolation und erheblichem finanziellem Aufwand für die Paare einher und zermürbe die Beziehung vielfach irreparabel. Die moderne Pränatal-Diagnostik sorge für eine sicherere Schwangerschaft. Damit könne schon im Mutterleib eine Erkrankung des Fötus festgestellt werden, die sofort nach der Geburt eine intensivmedizinische Behandlung des Neugeborenen erfordere. Früher sei es in solchen Fällen zu erheblichen Komplikationen bei der Geburt sowohl für die Mutter als auch für das Kind gekommen. Natürlich führe die Möglichkeit, ein Kind vor der Geburt auf etwaige Krankheiten zu untersuchen, auch zu Missbrauchstendenzen. Behindertenverbände gehörten daher mit zu den schärfsten Gegner/innen des neuen Fortpflanzungsmedizingesetzes. Vor allem in Hinblick auf die Verbrechen der NS-Medizin müsse man unbedingt ein Klima vermeiden, bei dem Behinderungen und Erbkrankheiten als „abnormal“ angesehen würden.

Frau Dr. Leithner-Dziubas sprach über ihre praktischen Erfahrungen. Sie habe bei ihrer täglichen Arbeit vor allem mit Frauen zu tun, die unbedingt Kinder wollten, diesen Wunsch aber aus verschiedensten Gründen nicht umsetzen könnten. Ein unerfüllter Kinderwunsch gehe immer mit einer massiven Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls und Scham- und Schuldgefühlen einher – jeder Mensch gehe grundsätzlich davon aus, fruchtbar zu sein. Vor allem für Frauen sei in so einem Fall die Belastung enorm, viele seien bereit, eine lange und belastende Hormonbehandlung auf sich zu nehmen. Eine psychologische Betreuung sollte immer integraler Bestandteil einer assistierten Schwangerschaft sein – leider gebe es hier in Österreich noch Nachholbedarf. Es sei auch wichtig, dass eine psychologische Grundausbildung als Teil der gynäkologischen Facharztausbildung etabliert werde, die es Ärzt/innen ermögliche, sensibel auf die Bedürfnisse von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch eingehen zu können.

Frau DDr. Kadi sagte, dass sich schichtspezifische Unterschiede in der Kinderplanung und dem eigenen Anspruch auf die Elternschaft ausmachen ließen. In vielen Ländern würden Kinder als Altersvorsorge gesehen, diese Vorstellung sei bei uns eher unwichtig. In der oberen Mittelklasse des Westens würde enorme Energie in das Thema Kinderplanung investiert, Kinder nähmen eine wichtige Rolle im Leben der Eltern ein. Dies zeige sich schon bei der Familienplanung und setze sich bei der Kindergartenbetreuung und der Auswahl der richtigen Schule fort.

Fragen

In der abschließenden Fragerunde wurde mehrmals auf einzelne Aspekte des neuen Fortpflanzungsmedizingesetzes verwiesen. Eine künstliche Befruchtung sei eine „Schwangerschaft auf Probe“, die bei unerwünschten Ergebnissen sehr oft beendet werde. Besonders die sprachliche Diktion wurde kritisiert. Vielfach werde von „Reduktion“ oder „Abbruch“ der Schwangerschaft gesprochen, wo eigentlich von töten die Rede sein müsse. Ab wann gilt ein Mensch als Mensch, wer bestimmt dies?
Dazu Frau Dr. Druml: Natürlich verschleiere die Sprache den bewussten Abbruch von Schwangerschaften. Die ethische Frage, ab wann ein Fötus als Mensch gelte, sei nicht ohne weiteres zu klären. Es sei aber ihrer Meinung nach unbestritten, dass eine befruchtete Eizelle in den ersten Schwangerschaftswochen eine Ansammlung von Zellen sei, die man medizinisch nicht als vollwertigen Menschen klassifizieren könne.
Frage: Gab es Diskussionen innerhalb der Bioethikkommission und in der medizinischen Fachwelt über das neue Gesetz?
Frau Dr. Druml: Natürlich gab und gibt es sowohl in der Zivilgesellschaft, in der Bioethikkommission und unter den Mediziner/innen langwierige Diskussionen über Inhalt und Formulierung des neuen Gesetzes. Alle bevorzugten ein Familienbild, bei dem alles auf natürlichem Wege zustande komme, man müsse sich aber veränderten gesellschaftlichen Lebensrealitäten anpassen, dies sei mit der Neufassung passiert. Der Staat habe hierbei die Pflicht, einer immer größer werdenden Anzahl von Paaren, die auf natürlichem Wege nicht in der Lage seien, Kinder zu bekommen, alternative Möglichkeiten einzuräumen. Die Bioethikkommission sei nicht der Gesetzgeber, sondern ein Beratungsorgan. In den Bereichen, die nun geändert worden seien, habe Einigkeit innerhalb der Kommission erzielt werden können, viele andere, wie die Frage der Leihmutterschaft oder des „Social Egg Cell Freezings“, seien unisono abgelehnt worden.
In der Diskussion werde fast immer vom Kind ausgegangen, wie geht es den Frauen bei diesen Prozeduren?
Antwort Frau DDr. Kadi: Oftmals werde eine künstliche Befruchtung und in der Folge die Schwangerschaft von vielen Frauen als fremdartig empfunden. Die kulturellen Vorstellungen von Familie hätten sich in den letzten Jahrhunderten immer auf den Körper der Frau bezogen, die neuen medizinischen Möglichkeiten veränderten aber diese Vorstellungen und Wahrnehmungen.

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