Nachlese Science Talk "From Linz to L.A."

Die Anziehungskraft US-amerikanischer Universitäten auf internationale Studierende und Forschende ist heute stärker denn je: Zahlreiche junge Menschen sind bereit, für einen Studienplatz an einer renommierten Hochschule mit ausgezeichnetem Betreuungsverhältnis  hohe Kosten und äußerst selektive Aufnahmeverfahren auf sich zu nehmen. Auch auf dem Gebiet der Forschung gehören die US-amerikanischen Universitäten laut Hochschulranking zu den besten der Welt und bieten Wissenschaftler/innen attraktive Karrieremöglichkeiten. Doch wie ist das Hochschulsystem der USA abseits dieser Eliteuniversitäten strukturiert und worin bestehen die größten Unterschiede zu Österreich?


Fragen wie diese standen am 18. März 2013 im Mittelpunkt eines Science Talks zum Thema „From Linz to L.A. – Hochschule USA und Österreich im Vergleich“. Auf Einladung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung diskutierten die Hochschulforscherinnen Barbara Sporn und Elke Park die Vor- und Nachteile des amerikanischen Hochschulsystems in Bezug auf den Zugang zu tertiärer Bildung und die Förderung von Talenten. Als ehemalige Studentin der Arizona State University und Absolventin der Universität Linz konnte Martina Lindner ihre persönlichen Erfahrungen mit der Lehrqualität und dem Niveau der Studierenden in den USA einbringen. Wissenschafts- und Forschungsminister Karlheinz Töchterle griff die angesprochenen Themen auf und stellte die aktuellen Herausforderungen für das österreichische Hochschulsystem dar. Die Veranstaltung moderierte der langjährige USA-Korrespondent und ORF-Journalist Eugen Freund.


Für Barbara Sporn zeichnet sich das US-amerikanische Hochschulsystem vor allem dadurch aus, dass Talente früh erkannt und auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Karriere gezielt gefördert würden. So sei es beispielsweise für Professor/innen in den USA üblich, sich intensiv mit ihren Studierenden auseinanderzusetzen und sie bei der Weiterentwicklung ihrer Forschungskonzepte zu unterstützen. Diese gelebte akademische Gemeinschaft des Lehrens und Lernens wird nicht zuletzt durch eine ausgezeichnete Betreuungsrate ermöglicht.


Die interne Organisation US-amerikanischer Universitäten spielt in diesem Zusammenhang auch eine wichtige Rolle: Auf Grund des großen Verwaltungsapparats an den Forschungsuniversitäten kann sich das wissenschaftliche Personal auf Forschung und Lehre konzentrieren. Darüber hinaus bietet das Tenure Track System talentierten Studierenden eine Perspektive, die sie dazu motivieren kann, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen. Laut Sporn bringt dieses System allerdings auch Nachteile mit sich: In der Regel ist die Mitbestimmung des wissenschaftlichen Personals in den USA nicht besonders stark ausgeprägt. Außerdem führt der mit dem Tenure Track System verbundene Publikationsdruck in manchen Disziplinen zum Einzelkämpfertum und zu einer überhöhten Spezialisierung unter den Forschenden.


Auf Grund seiner starken Differenzierung bietet das US-amerikanische Hochschulsystem auch Studierenden und Lehrenden, die nicht an Forschung interessiert sind, einen Platz. Tatsächlich befinden sich in den USA nur 22% der Studierenden an einer mit österreichischen Hochschulen vergleichbaren Forschungsuniversität. Laut Elke Park absolvieren hingegen fast doppelt so viele Personen eine Berufsausbildung an sogenannten Community Colleges, die eine schlechtere Betreuungssituation als Universitäten aufweisen, dafür aber einen freien Zugang zum Hochschulsystem ermöglichen. Neben berufsbezogenen Lehrveranstaltungen bieten diese Einrichtungen auch akademische Kurse an, welche die Studierenden in die Lage versetzen sollen, an Universitäten zu wechseln. Trotz dieser Möglichkeit und umfangreicher Studienbeihilfenprogramme sind Personen aus sozial benachteiligten Schichten in den USA aber nur in einem relativ geringen Ausmaß an Universitäten vertreten.


Martina Lindner konnte dem Publikum ihre persönlichen Erfahrungen mit dem US-amerikanischen Hochschulsystem vermitteln. Auf Grund ihres Studienaufenthalts an der Arizona State University schätzt sie die Lehrqualität in den USA deutlich höher ein als in Österreich. Sie führt dies darauf zurück, dass in den USA gute Lehre stärker honoriert wird, schlechte Evaluierungsergebnisse aber im Gegensatz zu Österreich auch negative Konsequenzen für die Lehrenden haben. Lindner räumte allerdings auch ein, dass das Niveau der Studierenden an österreichischen Universitäten zuweilen höher sei. So dienen in den USA die ersten Semester an staatlichen Universitäten vielfach nur dazu, den Studierenden Allgemeinbildung zu vermitteln, um ihnen die Wahl eines Studienschwerpunkts zu erleichtern.


Minister Töchterle unterstrich, dass österreichische Universitäten in vielen Bereichen durchaus mit US-amerikanischen Hochschulen mithalten können. Dennoch sieht auch er vor allem im Bereich der "Massenfächer" Verbesserungsbedarf: So sei es in Österreich in manchen Studienrichtungen nötig, den Stellenwert der Lehre im akademischen Alltag zu erhöhen und die Betreuungsrelation zu verbessern, um einen intensiveren Kontakt zwischen Studierenden und Lehrenden zu ermöglichen. Er plädierte auch dafür, die - durch die neuen Medien - gebotenen Möglichkeiten wie beispielsweise blended learning besser zu nutzen. Dieser Weg wird laut Elke Park auch in den USA verfolgt, wo mit so genannten interaktiven „massive open online courses“ (MOOCs) Lehrveranstaltungen über das Internet kostenlos zugänglich gemacht werden.


Trotz dieses Verbesserungspotentials ist es für Minister Töchterle allerdings auch nötig, Kapazitätsgrenzen an den österreichischen Universitäten zu akzeptieren. In dieser Hinsicht rief er auch in Erinnerung, dass viele Ausbildungswege, die in den USA im tertiären Bildungssektor angesiedelt sind, in Österreich über die duale Berufsausbildung oder berufsbildende mittlere und höhere Schulen angeboten werden. Für Töchterle ist es daher besonders wichtig, dass diese Alternativen in der Gesellschaft als genauso wertvoll wie eine universitäre Ausbildung anerkannt werden und so das Hochschulsystem entlasten.


Zum Abschluss der Veranstaltung konnte sich auch das Publikum an der Diskussion beteiligen. Dabei wurde unter anderem die Frage nach der Finanzierung des US-amerikanischen Hochschulsystems aufgeworfen. Laut Barbara Sporn setzt sich diese im Fall der Top 100 Universitäten aus drei Teilen zusammen: Rund ein Drittel der Kosten wird über Studiengebühren finanziert, ein weiteres Drittel stammt aus Sponsoringeinnahmen oder Spenden von Alumni, der Rest wird durch die Einwerbung von Drittmitteln, Forschungsförderung und Kooperationen mit der Industrie abgedeckt.