Nachlese Science Talk "Herz, Hirn, Bauch - Wie treffen wir unsere Entscheidungen?"

Jeden Tag sind wir mit einer Vielzahl an kleineren und größeren Entscheidungen konfrontiert: Sei es die Wahl der Kleidung, die Entscheidung mit dem Rauchen aufzuhören, oder aber der Entschluss einen bestimmten Berufsweg einzuschlagen – in all diesen Fällen stehen wir vor einer großen Anzahl an Alternativen, aus denen wir oft sehr schnell jene auswählen müssen, die unseren individuellen Zielsetzungen am besten entspricht. Doch wie treffen wir diese Entscheidungen? Verlassen wir uns auf unser Bauchgefühl, treffen wir die Wahl mit unserem Herzen oder doch mit unserem Verstand? Zumindest in einigen Situationen scheinen unsere Entscheidungen sehr irrational zu sein. So ist es beispielsweise nur schwer verständlich, weshalb Vorsätze für das neue Jahr regelmäßig gebrochen werden. Doch kann man daraus tatsächlich schließen, dass wir unser Gehirn bei manchen Entscheidungen ausschalten? Und wenn nicht, durch welche Mechanismen könnten diese scheinbar irrationalen Handlungen entstehen? All dies sind Fragen, mit denen sich unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen wie die Neurobiologie, die Psychologie, die Kognitionswissenschaften oder aber auch die Ökonomie auseinandersetzen.


Am 16. Dezember bot die vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung organisierte Veranstaltungsreihe Science Talk einen Überblick über dieses komplexe Forschungsfeld. Dabei stellten der Kognitionswissenschaftler Oliver Vitouch, die Psychologin Christiane Spiel sowie der durch die Science Busters einem breiteren Publikum bekannt gewordene Physiker Heinz Oberhummer jene Mechanismen vor, die hinter unseren Entscheidungen stecken. Darüber hinaus betonte der Autor, Coach und Schamane Georg Schmertzing die Notwendigkeit, den Menschen als Ganzes zu betrachten, um zu einem tiefergehenden Verständnis unserer Entscheidungsprozesse zu kommen. Als Moderator führte der Chefredakteur der Austria Presse Agentur Michael Lang durch die Veranstaltung.


Während Georg Schmertzing in Anlehnung an das asiatische Denken das Herz als Zentrum des Lebens und der Weisheit betrachtete, betonten Oliver Vitouch, Christiane Spiel und Heinz Oberhummer die Rolle des Gehirns für die Entscheidungsfindung. Dieses sendet laut den Wissenschaftlern einen chemischen Cocktail aus, der auf den Magen oder das Herz wirkt und so Reaktionen in diesen Organen auslöst. Darüber hinaus kann es über die klassische Konditionierung dazu kommen, dass Bauchweh oder Herzklopfen automatisch mit Situationen in Verbindung gebracht werden, in denen sie früher bereits einmal aufgetreten sind. Doch auch dieser Prozess funktioniert laut Christiane Spiel über unser Gehirn. Vor diesem Hintergrund verstanden Vitouch, Spiel und Oberhummer den Einfluss des Herzens oder des Bauches auf unsere Entscheidungsfindung lediglich als Metapher.


Und selbst die oft beschworene Intuition ist laut Oliver Vitouch viel weniger geheimnisvoll als oft angenommen. Wenn wir uns auf unser Bauchgefühl berufen, beziehen wir uns lediglich auf frühere Erfahrungen, von denen wir nicht mehr wissen, in welchem Kontext wir sie gemacht haben. Aus diesem Grund sind auch Experten, die über einen breiten Erfahrungsschatz verfügen, gut beraten sich auf ihre Intuition zu verlassen. Vitouch räumte allerdings auch ein, dass selbst Experten in manchen Fällen sehr schlechte Entscheidungen treffen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn es um den Umgang mit bedingten Wahrscheinlichkeiten geht. So überschätzen selbst erfahrene Mediziner sehr oft die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient, bei dem ein Test auf eine sehr seltene Krankheit positiv ausfällt, tatsächlich an dieser Krankheit leidet.


Christiane Spiel erläuterte dem Publikum, weshalb die Tatsache, dass viele Menschen ihre Neujahrsvorsätze nicht einhalten, nicht unbedingt auf Irrationalität schließen lässt. Gemäß der Selbstregulationstheorie gibt es zwar grundlegende kognitive Mechanismen, die eine Zielerreichung unterstützen. So schätzen beispielsweise Personen, die sich in einer Partnerschaft befinden und diese aufrechterhalten wollen, andere Personen als weniger attraktiv ein. Diese automatischen Zielerreichungsmechanismen werden allerdings außer Kraft gesetzt, wenn die Erreichung des Ziels unabhängig vom persönlichen Einsatz als unrealistisch beurteilt wird oder die Ziele gar nicht selbst gewählt, sondern von außen aufoktroyiert  wurden.  Spiel folgert daraus, dass es für eine tatsächliche Zielerreichung nötig ist, Menschen dazu zu bringen, sich Dinge zuzutrauen und Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. Dieser Aufgabe misst Spiel auch eine hohe gesellschaftliche Bedeutung zu: Schließlich zeigen Studien, dass Menschen mit einer hohen Selbstregulation länger leben, gesünder sind und mehr verdienen.


Zum Abschluss der Diskussion betonte Heinz Oberhummer den Unterschied zwischen Wissen und Glaube: Während wissenschaftliche Thesen einer ständigen Überprüfung und Revidierung unterworfen sind, ist der Glaube unveränderlich und dogmatisch. So könnte laut Oberhummer etwa ein Mediziner, der vor hundert Jahren gelebt hat, heute nicht mehr ordinieren, während heute nach wie vor Menschen an die Wirkung der Homöopathie, die vor über 200 Jahren entwickelt wurde, glauben.