Nachlese Science Talk: Mensch-Tier. Ein gestörtes Verhältnis!?

Aus Anlass des 250-jährigen Bestandsjubiläums der Veterinärmedizinischen Universität Wien lud das BMWFW zu einer Bestandsaufnahme der Mensch-Tier-Beziehungen in Wissenschaft und Gesellschaft. Diese Beziehung ist vor allem von der Unterscheidung zwischen Haus- und Nutztier geprägt. Während Haustiere vielen Menschen zunehmend als Ersatz für menschliche Nähe dienen, rücken die Lebens- und Sterbebedingungen von Nutztieren durch die industrielle Landwirtschaft aus unserem Blickwinkel. Zugleich wird jedes zugelassene Medikament durch Tierversuche an Labortieren klinisch erprobt. Ein weiteres Problem ist der unwiederbringliche Schaden, der mit dem Aussterben von Arten einhergeht. Tierschutz ist populär, aber wie steht es um die Umsetzung? Bleibt Tierschutz nicht allzu oft ein Lippenbekenntnis?
Über Tiere, Menschen und die Verbindungen und auch Probleme dieser beiden miteinander diskutierten:

Univ.-Prof. Dr. Herwig Grimm, Philosoph und Leiter der Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung des Messerli Forschungsinstituts der Vetmeduni Wien; Dr. Birgit Stetina, Klinische Psychologin am Department für Psychologie der Sigmund Freud Universität Wien; Dr.med.vet. Priv.Doz. Michael Leschnik, Klinische Abteilung für Interne Medizin der Kleintiere der Vetmeduni Wien und Reinhard Mut, Tierverhaltensenergetiker und „Österreichs Hundeseelenflüsterer“.
Moderiert wurde dieser Science Talk von der Fernsehjournalistin Maggie Entenfellner.

Laut Frau Entenfellner seien die Österreicherinnen und Österreicher insgesamt sehr tierlieb, viele würden ihre Hunde und Katzen wie Partner behandeln und vermenschlichen. Tierschutz sei kein Phänomen unserer Zeit, die Vermenschlichung von Tieren allerdings schon. Schon Pythagoras habe gesagt: „Solange die Menschen Tiere massakrieren, werden sie sich auch gegenseitig töten“.

Dr. Grimm: Ausdrücke und Praktiken gegenüber Tieren ließen sehr gute Rückschlüsse auf die kulturellen Werte der Menschen einer bestimmten Zeit zu. Untersuchungen zeigten, dass eine erhebliche Anzahl der Haustierbesitzer/innen die Beziehung zu diesen als echtes partnerschaftliches Verhältnis, gleichwertig einer menschlichen Beziehung, sähe. Wenn wir über Tiere sprächen, würden wir immer auch auf das gedankliche Repertoire zurückgreifen, dass wir aus unseren Beziehungen mit Menschen kennen. Die Beziehung Mensch-Haustier sei die primäre Tiererfahrung, nicht die mit einem lebenden Nutztier. Die Frage, ob es moralisch vertretbar sei, Tiere zu essen, müsse zuallererst jede/r für sich selbst entscheiden. Ethik und Moral seien zu unterentscheiden, der Tod und das Konzept des Sterbens im menschlichen Bereich könne nicht auf Tiere übertragen werden.

Dr. Stetina: Haustiere hätten seit jeher deshalb eine Sonderstellung, weil sie von Natur aus empathisch seien und bedingungslose Zuneigung böten. Die Haltung von Haustieren führe mitunter auch zu ausgeprägteren sozialen Kontakten, ein Beispiel sei eine Hundeschule, bei der sich auch die Halter/innen meist untereinander austauschten. Die tiergestützte Therapie sei zurzeit ein großer Hype und führe bei vielen Krankheiten zu einer nachweisbaren Heilung. Viele Studien wiesen darauf hin, dass Tiere Menschen empathischer machten. Problematisch sei es, wenn Tiere für Schulklassen als Anschauungsobjekte in kleinen Käfigen gehalten würden. Nutztiere seien uns deshalb nicht so nahe, weil sie im Leben des Einzelnen als lebendige Wesen nicht präsent seien. Dazu komme, dass die mediale Darstellung von Nutztieren (Bio-Schwein, glückliches Huhn usw.) fast nichts mit der realen Situation von Nutztieren zu tun habe.

Dr. Leschnik: Haustiere würden auch für menschliche Bedürfnisse gezüchtet. Die Haltung sei immer ein Kompromiss – eine Katze im fünften Stock einer Innenstadtwohnung zu halten sei sicher nicht artgerecht. In seiner Tätigkeit erlebe er oft, dass Tierbesitzer keine Kosten und Mühen scheuten, um das beste Futter und die beste Therapie für ihre Tiere zu erhalten. Tiere würden oft als Statussymbole mit dementsprechenden Erwartungshaltungen gesehen. Er habe zum Beispiel oft mit Hundehalter/innen zu tun, die das Verhalten ihres Tieres als abnormal empfänden. Bei näherer Untersuchung zeige sich dann oft, dass der Hund sich normal verhält, die Besitzer/innen aber wenig über die Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Hunden wüssten. Viele Tiere seien, bedingt durch das große Angebot an kalorienreicher Tiernahrung, stark übergewichtig. Früher hätten Tiere meist Lebensmittel gefüttert bekommen, die im Haushalt übergeblieben sind, heute gäbe es eine sehr lukrative Tierfutter-Industrie. Auch die Frage des richtigen Zeitpunktes des Einschläferns sei immer wieder eine Gratwanderung. Tierärztinnen und Tierärzte seien nicht verpflichtet, auf den Wunsch der Halterin/des Halters hin ein Tier zu erlösen. Meist könne im gemeinsamen Gespräch mit der Besitzerin/dem Besitzer eine realistische Einschätzung über den Zustand des kranken Tieres gemacht und eine dementsprechende Entscheidung gefunden werden. Tiere würde man auch meist anmerken, wenn keine Hoffnung mehr auf Heilung bestehe.

Reinhard Mut: Er sei meist die Anlaufstelle, wenn Halter/innen und Tiertrainer/innen nicht mehr weiter wüssten. Auch aus seiner Erfahrung heraus wisse er, dass immer mehr Tiere viel zu dick seien. Viele Halter/innen würden ihre Tiere mit Süßigkeiten belohnen, dies sei aber immer kontraproduktiv und schade den Tieren auf lange Sicht erheblich. Er habe auch schon mit Hunden gearbeitet, die aus Zuchtstationen in Osteuropa stammten und in Österreich auf Parkplätzen direkt aus dem Kofferraum heraus von illegalen Tierhändlern gekauft worden seien. Er rate jedem, die Finger von solchen Käufen zu lassen, weil die erworbenen Tiere fast immer verhaltensgestört und physisch krank seien.


Fragen

Bei der anschließenden Fragerunde wurde mehrfach auf die sogenannten „Problemrassen“ und Qualzüchtungen vor allem bei Hunden hingewiesen. Wie kann man diese Trends unterbinden?
Dazu Dr. Leschnik: Die so genannten „Problemrassen“ seien erst in den letzten Jahrzehnten entstanden. Allen gemeinsam sei ein sehr kleiner Körper bei verhältnismäßig großem Kopf und großen Augen. Diese Rassen seien sehr stark am Kindchen-Schema angelehnt, viele solcher Tiere hätten Schwierigkeiten bei der Atmung oder eine sehr geringe Lebenserwartung. Er halte jedoch nichts davon, ganze Gruppen von Züchtungen pauschal als problematisch zu klassifizieren, weil Probleme jeweils nur ganz bestimmte Zuchtlinien beträfen. Man könne bei fast allen modernen Hunderassen Schwachpunkte und Anfälligkeiten für bestimmte Erkrankungen nachweisen. Wichtig sei hier, wie auch beim illegalen Tierhandel, vor allem verstärkte Aufklärung über die Risiken und Begleiterscheinungen beim Erwerb solcher Tiere.
Eine weitere Frage betraf den richtigen Zeitpunkt, ab dem man Kinder über den Vorgang des Schlachtens von Tieren aufklären sollte. Ab wann kann man Kindern erklären, wie Fleisch produziert wird, und wie sollte dies geschehen?
Dazu Dr. Stetina: Bei Kindern gelte, dass man sie ab dem Zeitpunkt damit konfrontieren könne, dass Tiere geschlachtet werden müssen, um uns als Nahrung zu dienen, ab dem sie das Konzept des Sterbens verstünden. Es sei aber aus ihrer Sicht nicht angebracht, ihnen Schlachtungen in welcher Form auch immer zu zeigen.

Fotos zur Veranstaltung finden Sie hier.

Audio-Mitschnitt

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