Nachlese Science Talk "Mobilität der Zukunft"

Nur selten wird ein Thema so leidenschaftlich und emotional diskutiert wie die Verkehrsplanung. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die unterschiedlichen VerkehrsteilnehmerInnen (AutofahrerInnen, RadfahrerInnen oder FußgängerInnen) und AnrainerInnen oft diametral entgegengesetzte Interessen haben. Für viele Menschen symbolisiert das Auto beispielsweise uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und ist für den Weg zur Arbeit oder die Freizeitgestaltung unerlässlich. Der Verkehr ist aber auch für rund ein Viertel des österreichischen Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich: Ein Problem, das auf globaler Ebene durch die zunehmende Motorisierung in den Schwellenländern weiter verschärft wird. Doch wie werden wir angesichts dieser Veränderungen unsere Bedürfnisse nach Mobilität in Zukunft noch befriedigen können? Welche Auswirkungen haben wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Prozesse auf den Verkehr und welche technologischen Entwicklungen können dazu beitragen, die ökologischen Probleme abzumildern?


Hermann Knoflacher, der bekannte Verkehrsplaner der TU Wien, betonte in seinem Vortrag, dass in unserer Gesellschaft oft eine falsche Vorstellung von Mobilität vorherrscht und versuchte gängige Mythen in diesem Bereich zu entkräften: So etwa bleibt die Gesamtzahl der zurückgelegten Wege konstant und es kommt nur zu einer Verschiebung, nicht aber zu einer Ausweitung der Mobilität. Für Knoflacher ist klar, dass die steigende Motorisierung nicht - wie oft angenommen - zu einer Zeiteinsparung geführt hat. Es ist zwar richtig, dass sich die Geschwindigkeit, mit der wir uns fortbewegen, stark angestiegen ist, allerdings legen wir auch längere Strecken zurück. Studien zeigen, dass sich diese Effekte ausgleichen und AutofahrerInnen genauso lange unterwegs sind wie FußgängerInnen. Diese Entwicklung führt aber dazu, dass kleinräumliche Strukturen zerstört werden. Knoflacher plädiert daher dafür, Verkehrskonzepte zu entwickeln, bei denen wieder der Mensch und nicht das Auto im Mittelpunkt steht.


Anders als Hermann Knoflacher, misst Peter Phleps vom Institut für Mobilitätsforschung München die Mobilität nicht durch die Anzahl der zurückgelegten Wege, sondern durch die durchschnittlich zurückgelegte Kilometerzahl pro Person und Tag. Doch auch aus diesen Studien geht hervor, dass die Mobilität seit dem Jahr 2000 auf hohem Niveau stagniert. Zuvor kam es allerdings, bedingt durch den zunehmenden Wohlstand, zu einem Anstieg der verwendeten Kennzahl. Neben der Zahl der zurückgelegten Kilometer, untersuchte Phleps aber auch deren Verteilung auf die einzelnen VerkehrsträgerInnen: Dabei zeigte sich, dass in Deutschland rund 80% der zurückgelegten Kilometer mit dem Auto bewältigt werden, während ungefähr je 7% auf den Öffentlichen Verkehr bzw. den Bahnverkehr entfallen. Phleps geht davon aus, dass das Auto auch in Zukunft diese dominante Rolle beibehalten wird, dass aber gleichzeitig andere Verkehrsmittel an Bedeutung gewinnen werden. Er stützt sich dabei auf Untersuchungen des Verhaltens der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen. Dieses Alterssegment zeichnet sich laut Phleps nicht nur dadurch aus, dass in ihm die Bedeutung des Öffentlichen Verkehrs zu- und die Rolle des Autos abnimmt, sondern auch dadurch, dass die einzelnen Personen multimodaler werden und unterschiedliche Verkehrsmittel nutzen. 
Die Moderatorin Gabriele Gerhardter, die Leiterin der Abteilung für Innovation & Mobilität des ÖAMTC, brachte die Mobilität im ländlichen Raum und die Frage nach möglichen technologischen Umwälzungen im Verkehrsbereich in die Diskussion ein. Peter Phleps betonte in dieser Hinsicht, dass durch die starke Abwanderung in manchen Regionen, Alternativen zum Auto nur schwer ausgebaut werden können. In Deutschland wird in diesem Zusammenhang sogar bereits darüber nachgedacht, Infrastruktur, die wirtschaftlich nicht mehr tragbar ist, wieder rückzubauen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ist es für Knoflacher zentral, die im ländlichen Raum vorhandenen Ressourcen besser zu nutzen und die Schaffung von lokalen Arbeitsplätzen zu fördern.
Die beiden Vortragenden waren sich darin einig, dass in absehbarer Zeit keine völlig neuen Verkehrsträger auf uns zukommen werden. Vielmehr zielen die aktuellen Bemühungen darauf ab, die bestehenden Verkehrsmittel zu optimieren. So steht beispielsweise die Entwicklung neuer Antriebsformen, die nicht mehr auf fossiler Energie basieren, im Vordergrund. In Zukunft wird aber auch Mobilitätsdienstleistungen, wie Car-Sharing, eine größere Bedeutung zukommen.


In der Publikumsdiskussion wurde unter anderem die Frage aufgeworfen, inwieweit eine Einschränkung der Mobilität mit der Aufrechterhaltung unseres Wohlstands vereinbar ist. Für Hermann Knoflacher besteht darin kein Widerspruch, da Wohlbefinden nicht mit einem hohen Bruttoinlandsprodukt gleichgesetzt werden kann, sondern auch von nicht-monetären Größen, wie einer sauberen Umwelt oder der Funktion sozialer Kontakte, abhängt. Umgekehrt führt aber gerade der Wunsch nach Gemeinschaft zum Bedürfnis nach Mobilität.   Untersuchungen zu den Auswirkungen sozialer Netzwerke auf die Mobilität haben auf dem Gebiet der virtuellen Mobilität und dem Telecommuting zu neuen Fragestellungen geführt und lassen in Zukunft interessante Forschungsergebnisse erwarten.