Nachlese Science Talk "Österreichs nächster Nobelpreis in Wissenschaft und Forschung - Wege zum Erfolg"

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Wie kann Österreich wieder zur internationalen Top-Liga auf dem Gebiet der Forschung aufsteigen? Was müsste getan werden, um den Wissenschaftsstandort Österreich gefragter zu machen und zu internationalisieren? Wo lassen sich die österreichische Forschungslandschaft und ihre finanzielle Dotierung im internationalen Vergleich einordnen? Diesen Fragen widmete sich ein hochkarätiges Podium in der Aula der Wissenschaften.



Fotocredit: Tom Wagner
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Moderiert wurde dieser Science Talk von Dr. Gerhard Jelinek, ORF-Journalist, Buchautor und Sendungsverantwortlicher für die Wissenssendung „Newton“.
Dr. Jelinek wies auf die ambivalente Geschichte der österreichischen Nobelpreisträger hin. Gemeinhin würden einige Forscher/innen österreichischer Abstammung mit dem Nobelpreis in Verbindung gebracht, den sie jedoch nie erhalten haben. Friedrich August von Hayek zum Beispiel habe den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten, der zwar der renommierteste Preis in den Wirtschaftswissenschaften ist, aber nicht zu den klassischen Nobelpreisen gezählt wird. Martin Hairer hat 2014 die Fields Medaille erhalten, die äquivalent für einen Nobelpreis für Mathematik angesehen wird, tatsächlich aber mit dem Nobelpreis und seiner Vergabe nichts zu tun hat. Eric Kandel, der 2000 zusammen mit drei Forscherkollegen den Nobelpreis für Medizin und Physiologie erhielt, würde sich selbst wohl kaum als Österreicher bezeichnen. 14 der österreichischen Nobelpreisträger kamen aus den Gebieten der Alt-Österreichischen Habsburgermonarchie.
Die meisten Nobelpreisträger wurden zwar im Gebiet des damaligen Österreich geboren, mussten aber wie Hunderttausende andere vor dem NS-Regime fliehen oder wurden vertrieben.

Dr. Penninger wies in einem Impulsreferat auf die aus seiner Sicht notwendigen Schritte zu einer Verbesserung des österreichischen Forschungsoutputs hin:

  • Es brauche eine ganz klare politische Vision über die Ziele und die Positionierung der österreichischen Forschung. Die Frage müsse lauten: Wo wollen wir mit der österreichischen Forschung hin, und wie können wir dieses Ziel erreichen? Japan zum Beispiel habe in einer nationalen Agenda als Ziel definiert, bis 2025 zehn japanische Universitäten im Ranking der Top-100 Universitäten der Welt zu positionieren. Eine ähnliche nationale Agenda sei auch für Österreich notwendig, um die Zielrichtung zu definieren.
  • Wenn man ein solches Ziel umsetzen wolle, müsse man den Forschungsinstitutionen genügend Geld zur Verfügung stellen. Es sei jedenfalls mehr Geld als derzeit notwendig. Die Verteilung sollte, um Exzellenzforschung zu erreichen, kompetitiver ausgerichtet werden. Mehr Geld müsse auch für riskante Grundlagenforschung zur Verfügung gestellt werden, und nicht nur für bereits fast fertige und absehbare Ergebnisse.
  • Auch die Willkommenskultur müsse massiv verbessert werden. Zurzeit hätten Wissenschaftler/innen zu viele administrative und arbeitsrechtliche Hürden zu überwinden, wenn sie in Österreich arbeiten wollten. Sein Institut, das IMBA, sowie die gesamte Infrastruktur des Campus Vienna Biocenter seien sehr international ausgerichtet und vereinten die besten jungen Forscher/innen. Aspekte wie Herkunft, Religion oder ähnliches spielten dabei keine Rolle.
  • In Österreich müsse wieder eine Kultur des Mutes in der Wissenschaftspolitik etabliert werden, zu oft würde alles nur kleingeredet. Vielfach würde, um die eigenen schlechten Ergebnisse Österreichs in internationalen Rankings zur Wissenschaft zu relativieren, auf die methodischen Schwächen bei der Erstellung dieser Rankings hingewiesen. Österreich sei immer ein Land bedeutender Forschung gewesen und habe nach wie vor viel Potential.

Sektionschefin Mag. Weitgruber zur Situation der österreichischen Wissenschaft und Forschung: Im europäischen Vergleich liege Österreich mit einer Forschungs- und Entwicklungsquote von circa 2,8% des BNP relativ gut. Die Universitätsautonomie sei erst vor 10 Jahren in Kraft getreten, die Arbeits- und Verwaltungssysteme hätten einige Zeit gebraucht, um sich an die neuen Verhältnisse anzupassen. Wahrscheinlich hätte man diesen Prozess früher einleiten können und müssen. Die Personalentwicklung im wissenschaftlichen Bereich sei noch verbesserungsfähig. Zu viele junge Talente würden mit befristeten Verträgen beschäftigt, die Zahl der Laufbahnstellen sei reduziert worden. Es brauche, wie in den USA, mehr Möglichkeiten, Drittmittel einzuwerben. Die steuerliche Absetzbarkeit solcher Gelder müsse verbessert werden – Stiftungsrecht und Crowdfunding seien wichtige Themen der zukünftigen Ausgestaltung der Wissenschaftspolitik. Mag. Weitgruber verwies auf die vielen Initiativen des BMWFW, die der breiten Öffentlichkeit sowie jungen Menschen und Kindern das Berufsbild des Forschers/der Forscherin näher bringen sollen, zum Beispiel Sparkling Science und die Kinderuniversität. Die Vergabe des Nobelpreises in seiner heutigen Form stehe eigentlich in Widerspruch zu den ursprünglichen Vergabekriterien, die auf die Unterstützung der Grundlagenforschung junger, aktiver Wissenschaftler/innen abgezielt hätten. Besonders wichtig sei die Förderung von Grundlagenforschung, die sich mit den großen Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit, Armut oder Ernährungssicherheit beschäftige.

Dr. Jelinek fragte, ob der Nobelpreis für die Forschung nicht vielleicht ähnlich wie der Oscar als Filmpreis überwertet sei?

Dr. Schöpf sagte dazu, dass der Nobelpreis natürlich ein erstrebenswertes Ziel sei, mit dem wissenschaftlicher Ruhm und Ehre einhergingen. Sie selbst sei in ihrer Karriere wesentlich durch das Wissenschaftsengagement der Österreichischen Nationalbank unterstützt worden. Das Problem in Österreich sei, das es in der Bevölkerung, und oft auch auf den Universitäten, keine Vorstellung über das Berufsbild des Forschers/der Forscherin gebe. Dementsprechend wären erhöhte Investitionen in diesen Bereich der Allgemeinheit auch schwer vermittelbar. Man sei heute als Wissenschaftler/in darauf angewiesen, selbst Geld einzuwerben um im System zu bestehen.

Dr. Pollak pflichtete Frau Dr. Schöpf bei. Auch sie habe Akzeptanzprobleme als Ärztin gehabt und sei früher im AKH öfter als „Schwester“ angeredet worden. Bei einschlägigen Förderungen seien Innovationen oder revolutionäre Ansätze oftmals schwer umzusetzen. High Risk Projekte würden in Österreich zu wenig beachtet. Ziel müsse sein, möglichst die besten Forscher/innen zu holen. Österreich sei aber in diesem Bereich nach wie vor viel zu provinziell, vor allem auf Ebene der Professor/innen, die zum größten Teil aus dem deutschsprachigen Raum kämen.

Dr. Technau Er sei 2007 nach Wien berufen worden und habe sich mit sehr vielen administrativ-organisatorischen Fragen herumschlagen müssen. Seiner Meinung nach sei Spitzenforschung nur möglich, wenn man auch in der umgebenden Administration alle Vorgänge optimiere. Wenn diese Rahmenbedingungen nicht gegeben seien, müssten sich die Wissenschaftler/innen mit zu vielen anderen Dingen beschäftigen. Alle Abläufe auf allen Ebenen müssten optimiert werden. Die Post-Docs seien der Motor des wissenschaftlichen Fortschritts, sie brächten Erfahrung und Potential mit und fungierten oft als Role-Models für die Studierenden. Deshalb müssten sie besonders unterstützt werden.

In der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde wurde vor allem auf die Anwendbarkeit der Forschung Bezug genommen. Es wurde mehrmals gefragt, ob angewandte Forschung, zum Beispiel im Bereich der Gesundheitsvorsorge, in der finanziellen Förderung nicht der Vorzug gegenüber Grundlagenforschung gegeben werden sollte. Das Podium sprach sich allerdings gegen diese Sichtweise aus: Forschung habe per se nie den Anspruch gehabt, verwertbar zu sein. Wissenschaft definiere sich nicht ausschließlich über die Anwendbarkeit. Grundlagenforschung sei immens wichtig, vor allem für spätere Forscher/innen und deren künftige Ergebnisse.

Prof. Penninger mahnte zur Zurückhaltung, was Forschungsergebnisse beträfe. Oft würde von den Forscher/innen erwartet, innerhalb kürzester Zeit Ergebnisse zu liefen, wie man jetzt wieder bei der Ebola-Epidemie beobachten könne. Wissenschaftliche Entwicklungen bräuchten allerdings mitunter sehr lange, um klinisch anwendbar zu sein.

Alle Podiumsteilnehmer sprachen sich für die stärkere Einbeziehung von privaten Geldern in den Forschungsprozess aus. Hier könnte durch mehr Kooperation und veränderte rechtliche Rahmenbedingungen (Absetzbarkeit, Stiftungen) für private Geldgeber noch viel Verbesserung für die Forschungslandschaft erreicht werden. Wirtschaft und Industrie sollten vermehrt in die Forschung involviert werden.

Mag. Weitgruber verwies auf die neue interministerielle Initiative „Europäischer Forschungsraum Policy Forum“, die zur besseren Vernetzung aller am Forschungsprozess beteiligten Entscheidungsträger führen soll.