Nachlese Science Talk "Perspektiven der Antike"

Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Probleme Griechenlands scheint die Bedeutung der griechischen Antike für die kulturelle und politische Identität Europas in der öffentlichen Diskussion oft unterzugehen. Dabei verdanken wir den Griechen nicht nur das Ideal der Freiheit des Denkens und andere wichtige Prinzipien einer Demokratie, sondern auch unser Verständnis von Wissenschaft.

Beim Science Talk am 13. Mai 2013 stellte der Philologe Klaus Bartels die im 4. Jahrhundert v. Chr. aufkommende Idee des Kosmopolitismus und die römische Vision eines ewigen Friedens vor. Der Altphilologe und Althistoriker Karl-Wilhelm Weeber konzentrierte sich auf den Beitrag der griechischen Antike zur Entwicklung einer wissenschaftlichen Methode und einer partizipatorischen politischen Ordnung. Bundesminister Karlheinz Töchterle betonte schließlich neben der griechisch-römischen Antike auch die Bedeutung von Entwicklungen im Orient, die von den Griechen und Römern übernommen und so an uns überliefert wurden. Durch den Abend führte die ORF-Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher.

In seinem Vortrag „Von der Kosmopolis zum Global Village. Die griechische Idee einer weltweiten Freundschaft“ betonte Klaus Bartels die Bedeutung der territorialen Expansion unter Alexander dem Großen für die Entstehung einer neuen Mentalität. Durch die über das Mittelmeer hinausreichende Perspektive konnte eine Brücke zwischen Griechen und „Barbaren“ geschlagen werden. Während es davor üblich war, sich mit Namen und Geburtsort zu identifizieren, betrachtete sich Diogenes erstmals als Kosmopolítes – als Weltbürger. Die Weltbürgerschaft stellte aber auch eine Leitidee der philosophischen Schule der Stoa dar. Dabei wurde die Menschheitsverachtung mit der Vaterlandsverachtung gleichgesetzt. So betrachtete beispielsweise Marc Aurel nur etwas als gut, das sowohl der Stadt Rom als auch der Staatsgemeinschaft aller Menschen – dem kósmos – förderlich war.
Auch in der römischen Antike ließen laut Bartels Expansionsbestrebungen die Vision einer weltumspannenden Freundschaft und eines dauernden Friedens entstehen. Tatsächlich schien mit der Unterwerfung der Kantabrer auf der Iberischen Halbinsel durch Augustus die gesamte bekannte Welt zusammenzuwachsen und ein Römischer bzw. Augusteischer Friede (Pax Romana/Pax Augusta) Wirklichkeit zu werden. Laut Bartels ist diese Situation durchaus mit der geopolitischen Lage nach Ende des Kalten Krieges zu vergleichen, in der an die Stelle der Pax Romana die Pax Americana und der Anspruch der USA getreten sind, den Frieden auf der Welt auch mit blutigen Mitteln durchzusetzen.

Karl-Wilhelm Weeber ging in seinem Vortrag auf zwei Errungenschaften der griechischen Antike ein, die er auch in seinem vor kurzem erschienen Buch „Hellas sei Dank – Was Europa den Griechen schuldet“ darstellt: Die griechische Antike habe vor allem gelehrt, unsere Umwelt nicht nur zu beobachten, sondern auch zu erklären. Dabei vollzog sich mit dem Übergang vom Mythos zum Logos eine geistesgeschichtliche Wende. Während der Mythos exemplarische Antworten auf grundlegende menschliche Fragen geboten hat und sich nicht rechtfertigen musste, ist der Logos einer methodisch transparenten Kritik unterworfen. Erklärungsmodelle müssen argumentativ begründet werden und sich in einem Dialog laufend neu behaupten, -  Grundsätze, die auch heute noch die wissenschaftliche Arbeit prägen.

Neben der Entstehung der Wissenschaft ist für Weeber vor allem die Verwirklichung einer auf Partizipation basierenden politischen Ordnung ein zentrales Erbe der griechischen Antike. Obwohl in der politischen Praxis Frauen und Fremde an der attischen Demokratie weiterhin nicht teilhaben konnten, wurde die politische Teilnahme mit der Einbeziehung aller Personen, die den Wehrdienst abgeleistet hatten, erstmals auf eine breite Basis gestellt und das Machtmonopol des Adels gebrochen.

Laut Weeber ist vor dem Hintergrund der aktuellen Politikverdrossenheit aber in erster Linie die Einstellung der antiken Griechen zur Politik bemerkenswert: Denn nicht nur für Aristoteles war der Mensch ein „zoon politikon“. Auch für jeden anderen Griechen der klassischen Antike wäre es undenkbar gewesen, sich als unpolitisch zu definieren, was als egoistisch und gemeinschaftsschädlich verurteilt wurde. Diese Bedeutung der „ta politika“ wird auch durch die Errichtung der Akropolis als Denkmal der attischen Demokratie deutlich.

Als Altphilologe betonte Bundesminister Karlheinz Töchterle, dass der Fokus, den seine Vorredner auf Griechenland richteten, auf die Tradition der deutschen Geistesgeschichte zurückzuführen sei. Dabei wird allerdings nicht beachtet, dass viele der den Griechen zugeschriebenen Errungenschaften ihren Ursprung bereits im Orient hatten und von den Griechen nur übernommen wurden. Darüber hinaus wird insbesondere die Bedeutung des Christentums in der Überlieferung vernachlässigt. Am Beispiel der Begriffsgeschichte der Bezeichnungen unserer Wochentage verdeutlichte er diese unterschiedlichen Einflüsse: Die 7-Tage-Woche hat ihren Ursprung in der Genesis. Die Namen der Wochentage stammen allerdings frühestens aus der Zeit kurz vor Christi Geburt. Ursprünglich wurde jeder Wochentag mit einem Planetengott in Verbindung gebracht. So geht beispielsweise die Bezeichnung des ersten Tags der Woche, Sonntag, auf den im geozentrischen Weltbild viertnächsten Planeten zur Erde, die Sonne, zurück. Töchterle betonte aber auch, dass es vor allem durch das Christentum Gegentendenzen zu dieser Form der Namensgebung gab. So wurde der erste Tag der Woche später auch als dies dominicus (Tag des Herrn) bezeichnet, was beispielsweise auch ins Französische (dimanche) übernommen wurde.

In der auf die Vorträge folgenden Podiumsdiskussion warf Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher die Frage auf, ob die antike Idee des Kosmopolitismus in der Gegenwart auf fruchtbaren Boden gestoßen sei. Für die Vortragenden zeigt sich dieser Umstand vor allem im Friedensprojekt Europa, aber auch im Protest gegen die Verletzung von Menschenrechten oder der Mission vieler Hilfsorganisation, wie dem Roten Kreuz. Bundesminister Töchterle  hob die Bedeutung einer humanistischen Bildung hervor. Der Lateinunterricht ist für die Vortragenden vor allem deshalb wertvoll, weil durch ihn das Sprachbewusstsein geschult wird und die SchülerInnen lernen, den systematischen Aufbau einer Sprache zu begreifen. Diese wichtigen Inhalte haben bei lebenden Fremdsprachen oft das Nachsehen gegenüber der Schulung des flüssigen Sprechens und werden vielfach nur vom Lateinunterricht abgedeckt. Für Klaus Bartels ist zudem klar, dass durch den altsprachlichen Unterricht Kompetenzen erworben werden, die auch in der Politik oder Wirtschaft von Bedeutung sind. So muss man bei der Übersetzung lateinischer Texte aus vielen unterschiedlichen Möglichkeiten die in Hinblick auf den Kontext sinnvollste auswählen. Aus diesen Gründen ist auch Bundesminister Töchterle überzeugt, dass der Lateinunterricht weiterhin seinen Platz in den Lehrplänen behalten wird.