Nachlese Science Talk "Resilienzforschung – Was die Seele stark macht"

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Resilienz ist die Widerstandsfähigkeit von Systemen gegenüber äußeren Einflüssen. Für den Menschen beschreibt sie die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Doch was macht uns und unsere Gesellschaft resilient? Welche Eigenschaften helfen uns, Widrigkeiten unbeschadet zu überstehen? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen und das Forschungsfeld, das sich mit dieser Thematik befasst, besser zu verstehen, lud das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft am 24. März 2014 zu einem Science Talk in den Jesuitensaal der Aula der Wissenschaften. Am Podium diskutierten Cecily Corti, Obfrau der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan und Leiterin der VinziRast-Einrichtungen, Kurt Langbein, Wissenschaftsjournalist und Filmemacher, Univ.-Prof. Dr. Judith Glück vom Institut für Psychologie der Alpen-Adria Universität Klagenfurt und Dr. Harald Katzmair, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter von FAS.Research. Am Ende wurde die Podiumsdiskussion wie gewohnt in eine Publikumsdiskussion ausgeweitet.

Der Moderator, Markus Huber, Herausgeber und Chefredakteur des Magazins „Fleisch“, fragte Corti, ob die Menschen, die zu den VinziRast-Einrichtungen kommen weniger resilient seien. Cecliy Corti sagte, generell könne man diese Frage nicht mit „ja oder nein“ beantworten. Die Obdachlosen, die in die Notschlafstätten der VinziRast kommen, müssten ständig ums Überleben kämpfen, was sicherlich zur Resilienz beitrage bzw. diese demonstriere. Andererseits hätten viele von ihnen nie eine stabile Basis in ihrem Leben gehabt und nie eine Beziehung zu anderen aufbauen können. Eine derartige Instabilität sei wiederum eine schlechte Voraussetzung für Resilienz. Corti versucht mit ihren Mitarbeiter/innen grundsätzlich immer, den Obdachlosen mit großem Respekt zu begegnen. Das sei auch ein Grund dafür, dass es nur selten zu Gewalt in ihren Einrichtungen komme – dieser respektvolle Umgang wirke auf alle Beteiligten ansteckend. Mit dem sich ständig erhöhendem Tempo unserer technik-getrieben Gesellschaft kämen die Menschen in ihrer „menschlichen Essenz“ nicht mehr mit. Deshalb müssten wir uns darauf besinnen, was uns als Menschen wirklich ausmache. Auch sie sei in ihrem Leben mit Krisen und empfundenem Scheitern konfrontiert gewesen. In solchen Situationen müsse man das Scheitern an sich akzeptieren, man dürfe nur nicht darin verharren, sondern müsse versuchen, das Leben zu „nähren“ und es wachsen zu lassen. Ob Spiritualität in diesem Prozess eine Rolle spielen könne, sei sicherlich von Fall zu Fall verschieden. Ihr persönlich habe Spiritualität aber sehr geholfen, weil sie unterstützend wirke, dem Leben einen Sinn zu geben.

Dr. Katzmair erklärte als Netzwerkforscher, dass die Qualität von Beziehungen wesentlich wichtiger sei als deren Anzahl. Netzwerke an sich seien dann am resilientesten, wenn sie alle die Phasen – Anfang, Wachstum, Reife und Krise – erfolgreich durchliefen und in keiner dieser Phasen stecken blieben. Es sei auch ein Fehlen von Resilienz, wenn man nicht aufhören könne zu wachsen, das gelte für einzelne Personen genauso wie für Städte zum Beispiel. Systeme würden also dann „krank“ werden, wenn sie beginnen, sich abzuschließen. Das geschehe ganz oben in Hierarchien, in Momenten des Erfolgs, wenn Hochmut einsetze. Es geschehe aber auch „ganz unten“ bei Individuen, wenn wir Angst vor der Welt hätten und uns vor ihr deshalb verschließen wollten. Um dies zu vermeiden, müsse man seine Offenheit ständig bewahren. Auch Dr. Katzmair sprach die Folgen der technischen Entwicklungen an und er meinte ähnlich wie Corti, dass die Beschleunigung, der wir ausgesetzt seien, nicht gut für Menschen sei. Der Wachstums- und Spezialisierungsdrang und das ständige Fokussieren erzeugten eine Art Tunnelblick, durch den wir unsere peripheren Wahrnehmungen einbüßen würden. In einem System, in dem sich der einzelne Teil nicht des großen Ganzen bewusst sei, gehe der Sinn verloren. Eine derartige Fragmentierung würden wir heute leider erleben – jeder konzentriere sich nur auf sich selbst. Die Geschwindigkeit mit der die technologische Entwicklung voranschreite, stehe unseren kulturellen Sinnen diametral entgegen. In vielerlei Hinsicht erstickten wir regelrecht an der Fülle, die uns umgebe. Die Zeit zur Muße, die man vor allem in der Kindheit und Jugend benötige, gehe verloren.

Univ.-Prof. Dr. Glück erläuterte die Anfänge der Resilienzforschung in der Entwicklungspsychologie. Die US-Forscherin Emmy Werner habe in den 50er-Jahren erkannt, dass unter Kindern, die ähnlichen Schicksalsschlägen ausgesetzt gewesen seien, sich manche überdurchschnittlich und unerwartet gut entwickeln hätten können. Oft sei das Vorhandensein einer stabilen Bezugsperson – diese müsse nicht zwingend ein Elternteil sein – ausschlaggebend für eine bessere Entwicklung und für die Bildung von Resilienz. Vergleichbares könne man bei der Überwindung von Krankheiten oder bei Beziehungskrisen beobachten. Resilienzfördernde Charaktermerkmale seien eine grundsätzliche Offenheit, Empathiefähigkeit, Reflexionsfähigkeit, Bindungsfähigkeit, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, eigene Emotionen zu regulieren. Auch manche genetische Faktoren würden Resilienz fördern, man dürfe hierbei aber nicht vergessen, dass Vorteile aus solchen Faktoren durch äußere Einflüsse schnell abgeschwächt oder gar aufgehoben werden könnten. Heute würden die Menschen viel zu große Ansprüche an sich selbst stellen, doch der Wunsch, ein „optimales Leben“ zu führen, belaste und überfordere uns. Von den technischen Entwicklungen zeichnete Prof. Glück ein positiveres Bild als ihre Mitdiskutanten am Podium. Sie könne an ihren Studierenden beobachten, dass diese sozial sehr engagiert seien. Speziell die sozialen Netzwerke und das Internet bewirkten, dass man sich leichter mit Menschen in Krisenregionen identifizieren könne. Die modernen Medien seien zwar kein Rezept zur Resilienzbildung, denn sie hätten auch ihre Schattenseiten, man dürfe sie aber nicht nur negativ bewerten. Die Art, wie die heutige Jugend aufwachse, sei natürlich ganz anders als vor einigen Jahrzehnten. Auch das habe positive und negative Seiten. Zum einen erführen Kinder einen weitaus respektvolleren Umgang, zum anderen behüte man sie aber oft zu sehr.

Langbein meinte, dass die Fähigkeit zur Resilienz helfen könne, eine ungünstige Effort-Reward-Balance zu überwinden. Dabei könne das Ungleichgewicht zwischen dem, was man leiste, und dem, was man dafür erhalte – immer mehr Menschen seien dem ausgesetzt – in seinen negativen Auswirkungen auf die Lebenserwartung abgeschwächt werden. Bei Überlebenden in Konzentrationslagern habe der israelisch-amerikanische Forscher Aaron Antonovsky ebenfalls eine hohe Resilienz beobachten können. Diese Personen hätten keine Opferrolle eingenommen, seien sehr netzwerkorientiert und sozial offen gewesen, hätten auch die schwierigsten Ausgangslagen als Herausforderungen angesehen und stets nach Lösungen gesucht. Ähnlich wie die anderen Diskutanten beobachtet auch Langbein, dass es uns immer schwerer falle, abschalten zu können. Man sei ständig einer 360-Grad-Aufmerksamkeit ausgesetzt. Deshalb schlug er einen Meditationsuntericht in Schulen vor, um den Kindern und Jugendlichen das Abschalten zu lernen und zu ermöglichen. Generell seien Kinder heute aber resilienter. Grund dafür sei unter anderem, dass Gewalt an Kindern abnehme. Ein anderer Trend, nämlich mangelnde Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft, wirke sich hingegen negativ auf die Resilienz der Bevölkerung aus. Nicht nur Schulen, auch jeder Betrieb könne dafür sorgen, dass Mitarbeiter resilienter werden – die Tendenz gehe allerdings nicht in diese Richtung. Die eher starren Hierarchien sollten aufgebrochen werden. Damit könnte vielleicht verhindert werden, dass die Österreicher in ihrem Leben im Schnitt um zehn Jahre länger krank seien als die Skandinavier. Langbein kritisierte das Gesundheitssystem in Österreich, das er im Zuge einer Krebserkrankung auch von seiner schlechteren Seite kennengelernt habe. Mit Krankheiten werde zunehmend inadäquat umgegangen. Man reduziere sich immer stärker auf das „Reparieren“ von Organen und entferne sich gleichzeitig vom Patienten als Mensch. Die Selbstheilung werde dadurch natürlich stark behindert und das, obwohl man sich in Fachkreisen über ihre große Bedeutung einig sei. Vertrauen, Zutrauen und Zuversicht, derer eine gelungene Arzt-Patient-Beziehung bedürfe, suche man in Österreich leider oft vergeblich.