Nachlese Science Talk "Welt aus den Fugen - neue Dimensionen der Verunsicherung"

Das Jahr 2014 könnte in die spätere Geschichtsbetrachtung als „Jahr der Unsicherheiten und Krisen“ eingehen. Die Dichte und Gleichzeitigkeit der Krisen und Kriege, die unsere Welt zurzeit erschüttern, ist hoch. Ebola-Epidemie, der Konflikt um die Ukraine, der Bürgerkrieg in Syrien, Flüchtlingskatastrophen vor Europas Küsten, die immer noch nicht wirklich überwundene Wirtschafts-und Finanzkrise: Es scheint, als sei die Welt „aus den Fugen“, um ein Wort Henry Kissingers zu gebrauchen. Sind diese Krisen vielleicht auch deshalb so bedrohlich, weil sie im Gegensatz zu früher medial unmittelbarer verfügbar sind? Ist unser Zeitalter „krisenhafter“ als frühere? Ist ein Ausweg aus diesen Negativ-Entwicklungen zu erkennen, oder stehen wir vor einer neuen Ära permanenter globaler Krisenerscheinungen? Darüber diskutierten vor etwa 150 Zuschauer/innen in der Aula der Wissenschaften folgende Expert/innen:

Prof. Dr. Irene Etzersdorfer, Politologin an der Universität Wien; Msgr. DDr. Michael Landau, Präsident der Caritas Österreich; Mag. Mario Thaler, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich und Ao. Univ.-Prof. Dr. Christoph Reinprecht, Soziologe an der Universität Wien.
Moderiert wurde dieser letzte Science Talk des Jahres 2014 von Mag. Christian Ultsch, Leiter des Ressorts Außenpolitik der Tageszeitung „Die Presse“.

Dr. Etzersdorfer sagte, das Hauptproblem in den letzten Jahren sei, dass die Staaten und die Staatengemeinschaft nicht mehr in der Lage seien, Gewalt zu regulieren: Die Regulierung der Gewalt zerfalle. In Europa habe man lange versucht, mit der Westfälischen Friedensordnung Kombattanten und Nicht-Kombattanten zu trennen. In den neuen Konflikten würden diese Grundsätze völlig ignoriert, so auch von Putin. Europa sei ständig mit sich selbst und seiner Wirtschafts-und Beschäftigungspolitik beschäftigt. Sicherheits-und strategiepolitisch habe die EU enorme Defizite und Ordnungsprobleme. Auf die neue Form der verdeckten Kriegsführung und die Partisanenstrategie in der Ukraine habe man keine Antwort.

Daraus folgend zeigten sich in letzter Zeit Phänomene, die man schon überwunden glaubte:

  • Prozesse des Staatszerfalls und des Krieges aufgrund ethnischer oder religiöser Motive
  • Permanente Bedrohung durch neue Formen des Terrorismus
  • Flucht und Zwangsmigration von Millionen von Menschen

Das gesteigerte Bewusstsein für diese Phänomene hänge auch damit zusammen, dass diese Konflikte vermehrt an den Rändern unserer „Wohlstandszonen“ stattfänden. Nach 1945 habe die internationale Politik Kriege zu vermeiden versucht. Heute stelle sich Desillusionierung ein:  Die neuen Konflikte seien meist Spielarten von Bürgerkriegen, das Kriegsrecht werde vielfach missachtet, es komme zu Kriegsverbrechen und verdeckten Interventionen. All das werde als Rückschritt in der zivilisatorischen Leistung empfunden. Vergleiche mit früheren Epochen seien mit Vorsicht zu genießen: das Datenmaterial zu früheren Jahrhunderten lasse keine validen statistischen Aussagen darüber zu, ob die Gesellschaft vor einigen hundert Jahren friedlicher oder kriegerischer war. Die bisherige globale Ordnungsmacht USA ziehe sich merklich zurück und weigere sich zunehmend, die „Weltpolizei“ zu spielen. Sie spreche sich aber gegen den weit verbreiteten Alarmismus aus.

DDr. Landau sprach über seine weltweiten Erfahrungen in der Praxis der humanitären Hilfe. Der Syrien-Konflikt sei jetzt schon die größte humanitäre Katastrophe nach dem 2.Weltkrieg. Über 5,5 Millionen Menschen seien vertrieben worden. Als weitere Brennpunkte nannte er die Ukraine, Südsudan und Nigeria. Das Heidelberger Institut für Konfliktforschung habe in Untersuchungen festgestellt, dass die Zahlen von Vertriebenen über die Jahre aber relativ konstant blieben. Vieles, das heute durch massenmediale Kanäle unmittelbar erscheint, sei früher nicht ins Blickfeld geraten. Das Wegschauen werde schwieriger, Machtzentren würden sich heute in dramatischer Geschwindigkeit verschieben. Trotzdem habe es auch Fortschritte in der globalen Entwicklung gegeben: die Anzahl der Menschen, die in absoluter Armut lebten, habe sich seit der Deklaration der UN-Millenniumsziele halbiert. Seiner Meinung nach seien folgende Schritte notwendig, um eine echte Verbesserung herbeizuführen:

  • Globalisierung des Verantwortungsverhältnisses
  • Global gesteuerte Armuts-und Hungerbekämpfung
  • Erhöhung der Gelder für bilaterale Entwicklungshilfe
  • Europa solle und könne mehr Solidarität für die Millionen von Flüchtlingen haben.

Es müsse allen klar sein, dass Wohlstandsinseln in einem Meer von Armut keinen Bestand haben könnten.

Mag. Thaler über die Ökonomie der Aufmerksamkeit bei Konflikten: Dieses Jahr seien einige Tragödien mehr beachtet worden als andere, selbst wenn die Bedrohungen für unsere Sphäre nur scheinbar gewesen sei. Die Ebola-Epidemie sei zum Beispiel erst dann in Europa medial zum großen Thema geworden, als es hier erste Verdachtsfälle gegeben habe. Der Konflikt im Südsudan und die zehntausenden Opfer dort seien dagegen in den meisten Medien kaum vorgekommen. Es gebe noch eine Reihe von Beispielen, die es nicht auf die „mediale Hitliste“ geschafft hätten, zum Beispiel die Malaria-Epidemien in der Zentralafrikanischen Republik. Der Ukraine-Konflikt sei in der europäische Öffentlichkeit so präsent, weil die geographische Nähe gegeben sei und er die Ära des Kalten Krieges heraufbeschwöre. Ein großes ungelöstes Problem sei die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer. Europa habe noch keine Antwort darauf gefunden, nach jeder Katastrophe mit gekenterten Flüchtlingsbooten gebe es politische Alibi-Aktionen, eine echte Lösung für die Zukunft stehe aber weiter aus.

Dr. Reinprecht: Aus soziologischer Sicht seien alle angesprochenen Themen und Konfliktfelder ein tiefer Bruch unserer drei Ordnungsparameter Territorialität, Autorität und Rechtssystem. Das grundlegende Problem sei, dass die Märkte global liberalisiert worden seien, die nationalen Staatsgrenzen aber gleich geblieben sind. Der Westen würde auf den Orient oft in postkolonialer Attitüde blicken und nichts gegen die ständige Fixierung der Ungleichheiten unternehmen. Wir befänden uns dadurch in einem permanenten Überforderungssyndrom, sowohl politisch als auch medial und ökonomisch. Die Unmittelbarkeit der Berichterstattung steigere sicher die Verunsicherung, der Glaube an eine stabile Weltordnung werde durch solche Rückschritte dekonstruiert. Dies hinterlasse Spuren in der Gesellschaft. Die Verunsicherung träfe seiner Meinung nach die Mitte der Gesellschaft emotional am meisten. Durch eine zunehmende Globalisierung und den damit einhergehenden globalen Wettbewerb würde es immer mehr Menschen in den peripheren Regionen unmöglich gemacht, ihren Lebensunterhalt adäquat zu bestreiten. Gleichzeitig werde die Migration enorm erschwert: Die Grenzregime in Europa und anderen Wohlstandsregionen würden militarisiert, man schotte sich vor der Flüchtlings- und Asylproblematik ab.

DDr. Landau pflichtete dem bei. Das Mittelmeerhilfsprogramm „Mare Nostrum“, das vielen Flüchtlingen das Leben gerettet habe, laufe aus. Die Hauptaufgabe des Nachfolgeprogrammes „Triton“ sei nicht primär die Rettung von Menschenleben, sondern die Abwehr von Grenzübertritten.

Fragen
In der Fragerunde wurde mehrmals die ambivalente Rolle des „Westens“ als vermeintlicher Exporteur von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in alle Welt beleuchtet. Die USA führten auch einen heimlichen und demokratisch nicht legitimierten Drohnenkrieg und begingen systematische Menschenrechtsverletzungen. Man habe zum Beispiel im Irak die Anhänger der vormaligen Baath-Partei Saddam Husseins aus der öffentlichen Verwaltung entfernt, die erzwungene Arbeitslosigkeit habe diese Gruppe hin zum „Islamischen Staat“ radikalisiert.
Antwort Dr. Etzersdorfer: Jeder Regimewechsel sei problematisch und mit Risiken verbunden, besonders, wenn man wie im Fall des Irak eine Mehrheit übergehe. Dies gebe aber niemandem das Recht, das neue System mit Gewalt zu bekämpfen – politische Ungerechtigkeit rechtfertige keine brutale Gewalt.
Mag. Thaler sagte dazu, dass die willkürliche, von den jeweiligen Siegern in einem Konflikt festgelegte Einteilung in Freund und Feind auch für Hilfsorganisationen ein Problem sei. Diese müssten im Konfliktfall mit allen Parteien Gespräche führen, um die humanitäre Lage zu stabilisieren, auch mit extremistischen Gruppierungen. Ärzte ohne Grenzen würde - um unparteiisch agieren zu können - keine Regierungsgelder annehmen.
Eine weitere Frage betraf die Ausbeutung der peripheren Regionen der „Dritten Welt“: Trägt der Westen mit seinen Konsumgewohnheiten und dem ständigen Ruf nach immer billigerer Produktion nicht auch zu den dortigen Krisen bei? Lebt der Westen auf Kosten anderer?
DDr. Landau dazu: Die Ursachen für die globalen Ungleichheiten lägen auch in der fast schrankenlosen Ausbeutung der Menschen und der Natur. Blinder Wirtschaftsglaube führe zu problematischen Abhängigkeiten. Die zukünftigen Herausforderungen seien gewaltig, aber nicht unlösbar, der Westen trage hier eine große Verantwortung, der er sich nicht verschließen werde können: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine andere“.

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Audio-Mitschnitt

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