Nachlese zum Science Talk: "Schwerpunkt Vorsorgemedizin - Weniger ist mehr?"

Wien (APA) - Ob einzelne Maßnahmen in der Vorsorgemedizin tatsächlich dazu führen, dass Erkrankungen verlässlich und in größerer Zahl früher erkannt werden, lasse sich wissenschaftlich fundiert oft gar nicht sagen. Das erklärten Gesundheitsexperten am Montagabend bei einer Diskussionsveranstaltung in Wien. Hier zeige sich, dass Österreich von der oft beschworenen faktenbasierten Politik weit weg sei.

Das Bild einer relativ inkonsequenten Politik im Bereich der Gesundheitsprävention zeichneten Forscher bei einem vom Wissenschaftsministerium veranstalteten "Science Talk" mit dem Titel "Schwerpunkt Vorsorgemedizin - Weniger ist mehr?". Es gebe in Österreich zwar ein großes Angebot an Screenings und Vorsorgeuntersuchungen und einen starken Glauben an deren Sinnhaftigkeit, mit belastbaren wissenschaftlichen Untersuchungen ließe sich das in einigen Fällen allerdings bis heute nicht untermauern.

Zweifelsfrei hätten viele Vorsorgemaßnahmen ihren Sinn, wie etwa Impfungen oder der Mutter-Kind-Pass. Bei einem weiteren beliebten Präventions-Klassiker, der jährlich angebotenen Vorsorgeuntersuchung, sei die Frage "bringt's was?" aber schwer zu beantworten, sagte Martin Sprenger, Leiter des Lehrgangs "Public Health" an der Medizinischen Universität Graz. Mittlerweile deute einiges darauf hin, dass der präventive Effekt eher "bescheiden" sein dürfte. Ähnlich bewertete das auch der Gesundheitsökonom Gerald Pruckner von der Universität Linz in seinem Statement. Vielleicht sei die beliebte Untersuchung "gar nicht so wirkungsvoll", so Sprenger, der auch dafür plädierte, sich von dem "Mythos" zu verabschieden, dass Vorsorgemedizin nur positiv wirke.

Nutzen und Schaden einer Maßnahme sollten daher sorgfältig und faktisch untermauert abgewogen werden. Dafür fehle aber oft die wissenschaftliche Grundlage, war man sich am Podium einig. So wurde erst kürzlich im ersten offiziellen Evaluationsbericht zum Brustkrebs-Früherkennungsprogramm ("Mammografie-Screening") festgestellt, dass es derzeit kaum möglich sei, die Ergebnisses des Programms zu analysieren.

"Mehr Screenings führen nicht automatisch zu mehr Gesundheit, weniger Rauchen aber schon", sagte Katharina Paul von der Universität Wien. Für letzteres sei die Datenlage völlig klar, mit politischen Anstrengungen, den Tabakkonsum zu minimieren, halte man sich im internationalen Vergleich in Österreich aber sehr zurück. In Teilen der Politik scheine das Interesse an mehr Fakten zur Wirksamkeit von relativ breit ausgerollten Maßnahmen auch überraschend gering.

"Wir haben keine 'Evidence-based-policy'", so das nüchterne Fazit des ehemaliger Vorstandes der Abteilung Allgemein- und Familienmedizin an der Medizinischen Uni Wien, Manfred Maier. Viele Maßnahmen würden seitens der Politik geplant, die Umsetzung liege bei den Hausärzten, institutionalisierte Rückmeldungen gebe es jedoch nicht immer.

Auch Ärzte hätten manchmal nicht genug "evidenzbasiertes Wissen", um ihre Patienten umfassend aufzuklären, sagte Irmgard Schiller-Frühwirth vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Dazu komme, dass die Gesundheitsbildung der Österreicher vielfach defizitär sei: Viele hätten keinerlei Vorstellung, wo sich Organe im Körper befinden. Manche Frauen würden zur Mammografie gehen, weil sie denken, diese schütze vor Brustkrebs, so Schiller-Frühwirth.

Potenzielle Daten zur Überprüfung der Wirksamkeit von Maßnahmen gebe es zwar, sie würden aber oft unzusammenhängend erhoben oder nicht genutzt, betonte Maier. Für ihn stellt etwa die schulärztliche Untersuchung ein solches "österreichisches Paradoxon" dar. Vielfach landen die erhobenen Daten "in der Schublade" - eine "verlorene Chance, um früh etwas zu erkennen", konstatierte der Forscher. Erstaunlich sei auch, dass mancherorts in Österreich Schulärzte gar keinen Zugang zu den umfassenden Informationen im Mutter-Kind-Pass hätten, wies Pruckner auf eine weitere Eigenheit im System hin.

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