Dr. Marija Petricevic

Marija Petričević absolvierte 2004 bis 2010 das Diplomstudium der Rechtswissenschaft mit der Schwerpunktsetzung auf Fremden- und Asylrecht sowie Rechtsphilosophie an der Universität Wien. Ebendort legte sie von 2011 bis 2015 alle Prüfungen für das Doktoratsstudium der Rechtswissenschaften ab, wobei sie sich auf Medizinrecht, Strafrecht, Verfassungs- und Verwaltungsrecht sowie Legal Gender Studies fokussierte.

Die Rechtswissenschafterin hat bereits mehrfach zu Rechtsfragen zur Intergeschlechtlichkeit in diversen Fachzeitschriften publiziert. Aktuell anstehende Publikationen sind „Grundrechtlicher Schutz der Selbstbestimmung intergeschlechtlicher Menschen“ in Band 61 der Linzer Schriften zu Gender und Recht sowie „Intergeschlechtlichkeit rechtlich betrachtet“ in blickpunkt:diversity – Diversität und Hochschule der Medizinischen Universität Graz.

Ihre Dissertation „Rechtsfragen zu Intersexualität“ ist bereits vierfach ausgezeichnet: 2015 erhielt sie den Johanna Dohnal Förderpreis, im Jahr 2016 den Leopold-Kundschak-Wissenschaftspreis und den Gender and Agency Preis 2016 sowie 2017 den Uni: Doc Award der Universität Wien gemeinsam mit der Stadt Wien.

Marija Petričević arbeitet bei der „Plattform Intersex Österreich“ sowie in verschiedenen Frauenkollektiven wie z.B. dem „Verein österreichischer Juristinnen“ mit. Sie hat Vortragserfahrung, erworben durch die Organisation und Vermittlung von Rechtskundeunterricht sowie durch das Abhalten von Schulungen zum Gleich-behandlungsrecht und zahlreiche Vorträge zu Intergeschlechtlichkeit. Zudem hat sie die „Intersex Conference 2016 und 2015“ in Wien sowie die Planung und Konzeption des „Feministischen Juristinnentages 2016“ mitgestaltet.

Seit Juni 2016 ist Marija Petričević Gleichbehandlungsanwältin bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft Wien. Im Zuge dieser Tätigkeit berät und unterstützt sie Menschen bei der Durchsetzung ihres Rechts auf Gleichbehandlung.

„Rechtsfragen zur Intersexualität/Rechtsfragen zu Intersexualität“

In ihrer bereits mehrfach ausgezeichneten Dissertation diskutiert Marija Petričević mit „Rechtsfragen zur Intergeschlechtlichkeit/Rechtsfragen zu Intersexualität“ ein überaus aktuelles Thema der Geschlechterforschung. Die Arbeit beschäftigt sich interdisziplinär mit den Auswirkungen des gesellschaftlich geprägten Zweigeschlechtersystems auf intersexuelle Personen. Medizinisch wird Intersexualität als Sexual-differenzierungsstörung verstanden, die dazu führt, dass Menschen durch körperliche Besonderheiten nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden können. Dennoch wird jedes Neugeborene rechtlich als weiblich oder männlich erfasst, und ein Wechsel des Geschlechtseintrages ist lediglich innerhalb dieser Kategorien möglich. In der Folge sind betroffene Kinder frühzeitig irreversiblen medizinischen Maßnahmen zur Geschlechtsnormierung ausgesetzt.

Mit ihrer Dissertation verfolgt Marija Petričević mehrere Ziele: Einerseits die Aufbereitung der Frage, unter welchen Bedingungen derartige Eingriffe durchgeführt werden dürfen. Andererseits wird untersucht, ob intergeschlechtliche Menschen ein Recht auf juristische Anerkennung eines alternativen Identifikationsgeschlechts beanspruchen können. Dazu wird der juristische und medizinische Umgang mit intergeschlechtlichen Personen grundrechtlich geprüft.

Die Dissertation beinhaltet sowohl gendertheoretische als auch medizinische, rechtsphilosophische und grundrechtliche Aspekte. Durch die Breite und Tiefe ihrer Analyse befördert Marija Petričević neue bemerkenswerte Einsichten zutage und macht Vorschläge, um die rechtlich gesehen noch immer sehr prekäre Situation von intersexuellen Personen zu verbessern und um ihre personale Autonomie zu gewährleisten. „Ich entschied mich zur juristischen Auseinandersetzung mit Intergeschlechtlichkeit, weil es unbeschreiblich wichtig ist, der strukturellen Benachteiligung intergeschlechtlicher Menschen sowohl im rechtlichen als auch im medizinischen Diskurs entgegenzutreten und diese Personengruppe aus der weitverbreiteten Unsichtbarkeit zu holen“, erläutert die Rechtswissenschafterin ihre Motivation sich mit dieser Fragestellung forschend auseinander zu setzen. Ihren wissenschaftlichen Schwerpunkt erblickt sie in der Suche nach Optionen zur rechtlichen Überwindung von beschränkenden Geschlechterstereotypen und in der Anerkennung von Genderfluidität.

Die Jury betont den wichtigen Beitrag der Dissertation zu einer höchst aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion und hebt den bereits jetzt bestehenden hohen Impact-Faktor der Arbeit – vor allem im akademischen Diskurs – hervor.

Bemerkenswert ist auch, dass Marija Petričević beim Verfassen ihrer Dissertation von Gabriele Possanner-Staatspreisträgerin Elisabeth Holzleithner betreut wurde. Die Dissertation ist zudem bereits in der renommierten – von Paul Oberhammer herausgegebenen – Juristischen Schriftenreihe im Verlag Österreich erschienen. 

Marija Petričević über die Auszeichnung: „Die Zuerkennung eines Gabriele Possanner Förderungspreises hat für mich insofern besondere Bedeutung, als mich die Namensgeberin mit ihrer unbestreitbaren Funktion als Pionierin verstärkt dazu motiviert aufzuzeigen, dass der Einsatz für ein nichthierarchisches Geschlechterverständnis durchaus lohnenswert ist und Menschen unabhängig vom Personenstandsgeschlecht ein gleichwertiger Zugang zu unterschiedlichen Lebensentwürfen zusteht.“