Meilensteine zur Gleichstellung der Geschlechter

Unter Gleichstellung der Geschlechter versteht man häufig die faktische Umsetzung der Gleichberechtigung, z.B. im Hinblick auf ihr persönliches und berufliches Entfaltungspotential in der Gesellschaft. Gleichstellung ist kein von sich aus bestehender Zustand, sondern die bleibende Aufgabe des Ausgleichs (Gleichstellungsarbeit).

Insbesondere im 20. Jahrhundert wurden bedeutende Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter gesetzt.

Meilensteine zur Gleichstellung der Geschlechter
Nationale Meilensteine zur Gleichstellung in Wissenschaft und Forschung

Anlässlich der Veranstaltung des BMWFW (seit 8.1.2018 BMBWF) zum 100 Jahre-Jubiläum des Frauentages wurden die Möglichkeiten von Frauen auf Bildung und in weiterer Folge ihre Chancen bzw. Stellung in Wissenschaft und Forschung in Österreich von den 1860er Jahren bis heute zusammengestellt.

Etappensiege – Frauen in Wissenschaft und Forschung, 1860er-1945
Etappensiege – Frauen in Wissenschaft und Forschung, 1945-Gegenwart    

Meilensteine zur Gleichstellung der Geschlechter

Grundlagen und Meilensteine zur Gleichstellung der Geschlechter mit dem Fokus  UNO, EU und Österreich:

1910: Internationale Konferenz der Sozialistischen Frauen, Kopenhagen: Die deutsche Politikerin Clara Zetkin schlägt einen jährlichen Weltfrauentag vor.

1911: Erster Internationaler Frauentag: Eine der Forderungen ist "gleicher Lohn für gleiche Arbeit".

1918: Allgemeines Frauenwahlrecht in Österreich.

1939: Ehegesetz gestattet in Österreich erstmals die Scheidung unabhängig von konfessionellen Auffassungen.

1945: Charta der Vereinten Nationen: "Wir, die Völker der Vereinten Nationen, (sind) fest entschlossen (...) unseren Glauben an die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau (...) erneut zu bekräftigen."

1948:  Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: In Art. 2 wird Diskriminierungsverbot in Hinblick auf das Geschlecht festgeschrieben. "Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand."

1952:  Österreich unterzeichnet verfassungsänderndes UN-Übereinkommen über die politischen Rechte der Frau, dieses enthält u.a. das Recht zu wählen (Art. 1) und gewählt zu werden (Art. 2), also aktives und passives Wahlrecht – ohne jede Diskriminierung.

1953:  Europäische Menschenrechtskonvention des Europarates enthält Diskriminierungsverbot (Artikel 14).

1949:  UN-Konvention gegen den Menschenhandel.

1951:  ILO-Konvention: Internationale Arbeitsorganisation beschließt Grundsatz "gleicher   Lohn für gleiche Arbeit".

1952:  UN-Konvention über die politischen Rechte der Frau: Frauen wird das allgemeine, aktive und passive Wahlrecht sowie das Recht zuerkannt, öffentliche Ämter zu bekleiden.

1957:  Gründungsvertrag der Europäischen Gemeinschaften (EG): Rechtsgrundlagen für die Gleichstellung von Frauen und Männern im Arbeitsleben werden verankert. (seit Vertrag von Lissabon Artikel 157 AEUV).

1975:  Erste UN-Weltfrauenkonferenz, Mexiko City: Beschließt Weltaktionsplan und entwirft UN-Konvention. Die "UN-Dekade der Frau" und die Gründung des Frauenentwicklungsfonds UNIFEM folgen 1976.

1975: Fristenregelung: Nach Debatte um Selbstbestimmung wird Schwangerschaftsabbruch in Österreich unter bestimmten Bedingungen straffrei.

Ab 1975: Richtlinien des Rates der EG zur Durchsetzung der Gleichstellung (u.a.   Entgeldrichtlinie, Gleichbehandlungsrichtlinie).

1977:  UN erklären 8. März zum Internationalen Frauentag. Die Idee zur Einrichtung eines Weltfrauentages bestand bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts, ebenso wie die Forderung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“.

1979:  UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW): Frauen müssen in der Ausübung ihrer Menschenrechte nicht nur rechtlich, sondern tatsächlich mit Männern gleichberechtigt  sein, gleich behandelt werden und gleiche Chancen haben. Bis 2013 wurde das Übereinkommen  von 187 der 193 UN-Mitgliedstaaten ratifiziert.

1979:  Beginn der Gleichstellungspolitik in Österreich mit dem Bundesgesetz über die Gleichbehandlung von Mann und Frau bei der Festsetzung des Entgelts (Gleichbehandlungsgesetz).

1980:  Zweite Weltfrauenkonferenz, Kopenhagen: Nichtregierungsorganisationen werden einbezogen.

1985:  Dritte Weltfrauenkonferenz, Nairobi: Lebenssituationen von Frauen sind in gesellschaftliche Entwicklungszusammenhänge einzubeziehen.

1993:  UN-Erklärung zur Gewalt gegen Frauen: UNO erklärt sich zuständig für die Belange von Frauen in der Privatsphäre.

1993:  Das Bundesgesetz über die Gleichbehandlung von Frauen und Männern und die Förderung von Frauen im Bereich des Bundes  (Bundes-Gleichbehandlungsgesetz) tritt in Österreich in Kraft.

1995:  Vierte Weltfrauenkonferenz, Peking: Neben dem sexuellen Selbstbestimmungsrecht für Frauen geht es um konsequente Einbeziehung einer geschlechterbezogenen Perspektive in alle Politiken und Programme und Vorab-Analyse der Auswirkungen von Entscheidungen. Regierungen verpflichten sich zu nationalen Aktionsplänen.

1996:  EU-Kommission bekennt sich zu "Gender Mainstreaming" als Grundsatz und fordert Einbindung der Chancengleichheit in sämtliche gemeinschaftliche Konzepte und Maßnahmen.

1997:  Gewaltschutzgesetz in Österreich: Beinhaltet das Ehepartner-Wegweisungsrecht.

Ab 1998: Beschäftigungspolitische Leitlinien der EU: Gleichstellung als eine von vier Säulen der Beschäftigungspolitik.

1999:  Strukturfonds-Verordnung: Festschreibung des Doppelansatzes - spezifische Maßnahmen und Gender Mainstreaming.

2000:  Sonder-Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York, "Women 2000: Gender Equality, Development and Peace 21st Century": Bestätigung der Gender Mainstreaming-Strategie.

2000:  Grundrechtecharta der EU, Artikel 23: "Die Gleichheit von Männern und Frauen ist in allen Bereichen, einschließlich der Beschäftigung, der Arbeit und des Arbeitsentgelts, sicherzustellen." In EU-Reformvertrag von Lissabon 2007 enthalten.

2001-
2005:
 EU-Rahmenstrategie zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern.

Nationale Meilensteine zur Gleichstellung in Wissenschaft und Forschung

1896:  Frauen wird es erstmals gestattet, die Reifeprüfung abzulegen.

1897:  Zulassung für Frauen zu einem akademischen Studium zum Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, Gabriele Possanner erreicht die Nostrifizierung ihres 1894 in der Schweiz erworbenen Doktorats und promoviert an der Universität Wien als erste Frau zum Doktor.

1900:  Frauen werden als ordentliche Studierende an den Medizinischen Fakultäten zugelassen.

1905:  Die Romanistin Elise Richter habilitiert als erste Frau an der Universität Wien.

1919:  Zulassung von Frauen an der TU Wien, der Tierärztlichen Hochschule, der Hochschule für Bodenkultur sowie der Hochschule für Welthandel.

1921:  Die Romanistin Elise Richter wird als erste Frau zum Außerordentlichen Professor (sic!) ernannt.

1956:  Die Physikerin Berta Karlik erhält als erste Frau eine ordentliche Professur (Ordinariat) an einer österreichischen Universität (Universität Wien).

1970:  Hertha Firnberg wird als erste Frau „Bundesminister für Wissenschaft und Forschung“, sie setzt wichtige Initiativen zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft.

1971:  Durch die Abschaffung von Studiengebühren und forcierte Bildungspolitik in den 1970er Jahren steigen die Studierendenzahlen (und der Frauenanteil) rasant an.

1982:  „Sonderkontingent“ Frauenforschung des Wissenschaftsministeriums zur Förderung frauenspezifischer Lehre.

1984: Die erste internationale feministisch-wissenschaftliche Tagung in Österreich findet in Wien statt (5. Historikerinnentreffen).

1985:  Der Frauenanteil bei den Studierenden erreicht die 50%-Marke (an der Universität Wien bereits 1982).

1991:  Einrichtung von Arbeitskreisen für Gleichbehandlungsfragen an den Universitäten (gesetzlich verankert 1990, Novellierung des UOG 1975).

1992:  BMBWK und FWF initiieren ein neues Frauenförderprogramm für Nachwuchswissenschafterinnen: Charlotte-Bühler-Habilitationsstipendien. 1998/99 folgt das Hertha-Firnberg-Stipendium, 2004/05 das Elise-Richter-Stipendium (= Umbenennung des bisherigen Charlotte Bühler-Stipendiums).

1993:  Gründung von interuniversitären Koordinationsstellen für Frauenforschung und Frauenstudien in Wien und Linz

1994:  Eröffnung der Interuniversitären Koordinationsstelle für Frauenforschung und Frauenstudien für die drei Grazer Universitäten (Geschichte Koo-Stelle Universität Graz)

1993:  Das Bundesgleichbehandlungsgesetz (B-GlBG) tritt in Kraft, es ermöglicht, im ganzen Bundesdienst Gleichbehandlungsbeauftragte und Kontaktfrauen einzusetzen, bildet die Basis für Maßnahmen zur Beseitigung einer Diskriminierung aufgrund Geschlechts und der Unterrepräsentation von Frauen.

1995:  Erster Frauenförderungsplan für das Wissenschaftsressort wird per Verordnung erlassen, es wurden konkrete Maßnahmen zur Gleichbehandlung und Frauenförderung festgeschrieben.

1997: 100 Jahre Frauenstudium in Österreich;  Einrichtung der Gabriele Possanner-Preise anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Promotion Possanners an der Universität Wien.

1999:  Weißbuch zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft von BM Caspar Einem.

2000: ESF (Europäischer Sozialfonds)-Maßnahme „Frauen und Wissenschaft“: Dadurch z.B. die Einführung von genderspezifischen Infrastruktureinrichtungen sowie Kinderbüros an den Universitäten.

2002:  Ministerien übergreifende Initiative fFORTE – Frauen in Forschung und Technologie – wird zur Stärkung des Frauenanteils in Forschung und Technologie ins Leben gerufen.

2002: DOC-fForte, Stipendien für junge Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Technik, Naturwissenschaften und Medizin sowie Biowissenschaften und Mathematik, 2011 eingestellt und in DOC-Programm übergeführt.

2004: Das Universitätsgesetz (UG 2002) tritt in Kraft, es beinhaltet ein Rechtsschutzinstrumentarium (Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen, Schiedskommission) und Frauenförderungsinstrumente wie etwa die Koordinationsstellen für Frauen- und Geschlechterforschung oder die Kinderbüros, weiters eine Verpflichtung der autonomen Universität, einen Frauenförderungsplan zu erlassen.

2005: Frauenpolitischer Beirat des Wissenschaftsministeriums als beratendes Gremium des Bundeministers/ der Bundesministerin in wissenschafts- und wirtschaftspolitischen Fragen unter Blickwinkel der Gleichstellung in Wissenschaft und Forschung eingeführt. (2011 in Strategiebeirat Gender und Diversität übergeführt)

2006:  Im Wintersemester startet österreichweit das erste Masterstudium für Gender Studies (Universität Wien).

2007: Ingela Bruner wird mit 01.10 zur Rektorin der BOKU Wien bestellt, sie ist somit die erste Rektorin Österreichs. 2013 haben bereits 5 der 22 Universitäten eine Rektorin.

2007: Im Rahmen des data:warehouse uni:data – mit dem sich aktuelle Zahlen und Fakten über den österreichischen Hochschulbereich  abrufen lassen – wird im BMWF (seit 8.01.2018: BMBWF) ein Gender Monitoring mit für die Beobachtung der Entwicklung der Gleichstellung der Geschlechter an den Universitäten geeigneten Indikatoren eingeführt.

2007: Das  BMWF (seit 8.01.2018: BMBWF) beteiligt sich finanziell an den neu eingeführten L`Oreal Stipendien für junge Grundlagenforscherinnen in den Fachrichtungen Medizin, Naturwissenschaft und Mathematik.

2009:  Mit der Novellierung des Universitätsgesetzes 2002 (UG) durch das Universitätsrechts-Änderungsgesetz 2009 wird eine Verpflichtung der Universitäten zur Erfüllung einer 40%-Frauenquote bei der Zusammensetzung sämtlicher universitärer Kollegialorgane eingeführt. (vgl. Legislative Maßnahmen)

2010: Uniko Task Force „Gender and Diversity“ wird gegründet. Die Task Force Gender und Diversity befasst sich mit Gendermainstreaming, Zielsetzung ist eine Gleichstellung der Geschlechter im universitären Alltag. Im zweiten Arbeitsschwerpunkt beschäftigt man sich mit Diversity, die Vielfalt im Personalbereich soll gefördert und genützt werden.

2010: Einrichtung einer Stabstelle Gender- und Diversitätsmanagement im  Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (seit 8.01.2018: BMBWF)

2011: Strategiebeirat Gender und Diversität gegründet, um öffentlich wahrgenommene innovative Akzente zu den Themen Gender und Diversity zu setzen.

2013: Die Astrophysikerin Pascale Ehrenfreund wird als erste Frau in der Geschichte des FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) Präsidentin desselben. Der FWF ist Österreichs zentrale Einrichtung zur Förderung der Grundlagenforschung.

2013: Das Gleichstellungsziel des BMWF (seit 8.01.2018: BMBWF) „Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in Führungspositionen und Gremien sowie beim wissenschaftlichen/künstlerischen Nachwuchs“ tritt als eines von 5 Wirkungszielen des Ressorts (seit 8.01.2018: BMBWF) in Kraft.

2013: Die Geschlechterforschung hat sich an den österreichischen Universitäten etabliert: An 18 von 22 Universitäten ist eine Koordinationsstelle für Geschlechterforschung institutionell verankert. An 5 von 22 Universitäten ist eine unbefristete Professur, an 3 von 22 Universitäten eine befristete Professur sowie an 5 von 22 Universitäten eine Gastprofessur installiert.

Die Stabstelle Gender- und Diversitätsmanagement setzt zahlreiche weitere Programme und Initiativen, die eine Gleichstellung der Geschlechter im tertiären Bildungsbereich forcieren sollen.

BMBF: Meilensteine zur Gleichstellung von Frauen und Männern im österreichischen Bildungswesen (04.07.14)

Etappensiege – Frauen in Wissenschaft und Forschung. Sprechende Texte aus der Frauengeschichte