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Digitale Prüfungen: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

BMBWF und OeAD luden zum Dialog zur hochschulischen Lehre, der dem digitalen Prüfen gewidmet war. Ein brandaktuelles Thema angesichts der wiederholten Umstellung auf Distance Learning an Universitäten und Hochschulen aufgrund der Corona-Pandemie.

Es ist das derzeit wohl zentralste Thema für Studierende, Lehrende, aber auch für Universitäten und Hochschulen an sich: das digitale Prüfen. Das ist angesichts der aktuellen Lage auch wenig verwunderlich. Europa und damit auch Österreich befinden sich mitten in der sogenannten zweiten Welle der Corona-Pandemie, weshalb Universitäten und Hochschulen bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr auf Distance Learning umstellen müssen. Wie schon im Sommersemester 2020 wird nun auch im Wintersemester 2020/21 in erster Linie digital studiert und gelehrt.

Digitales Prüfen braucht den systemischen, professionellen Austausch

Deshalb lag es auf der Hand, den diesjährigen Dialog zur hochschulischen Lehre diesen „Neuen Lernwelten“ sowie dem „digitalen Prüfen“ zu widmen und ihn erstmals in digitaler Form abzuhalten.

Am Donnerstag, den 26. November 2020, hatten das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) daher gemeinsam mit dem OeAD, der Agentur für Bildung und Internationalisierung, im Rahmen des Projekts „3-IN-AT“ dazu eingeladen. „Es wird auch höchste Zeit, dass es über das digitale Prüfen einen ebenso professionellen, wie systemischen Austausch darüber gibt, wie wir ihn bereits über das digitale Lehren und Lernen, das Distance Learning führen“, erklärte Elmar Pichl, der Leiter der Hochschulsektion des BMBWF, bei der Eröffnung.

Prüfungsaufsicht, Identifikation und digitales Schummeln als größte Herausforderungen

Den professionellen Austausch gab es – beginnend mit der Präsentation der Umfrage unter 800 europäischen Hochschuleinrichtungen, die die European University Association (EUA) von April bis Juni 2020 durchgeführt hatte – nachdem der Universitäts- und Hochschulbetrieb in beinahe ganz Europa coronabedingt das erste Mal auf Distance Betrieb umgestellt worden war. Zentrales Ergebnis: 92 Prozent der befragten Universitäten haben neue Tools zur Kommunikation und Kollaboration eingesetzt, ebenso viele haben neue Wege des digitalen Lehrens ausprobiert.
Dass dabei das digitale Prüfen, insbesondere die Prüfungsaufsicht, die Identifikation und Authentifikation der Studierenden sowie das digitale Schummeln die größten Herausforderungen gewesen waren, ging laut Thérèse Zhang, der zuständigen Direktorin für Hochschulpolitik der EUA, aus der Spezialbefragung einer Fokusgruppe von sechs Hochschulinstitutionen hervor. Dabei zeigte sich auch, dass Hochschullehrende die Bewertung digital abgelegter Prüfungsleistungen als Beleg für erworbenes Wissen und Kompetenzen der Studierenden als besonders schwierig empfanden. Und dazu zählte für sie auch die adäquate Berücksichtigung des sozialen Hintergrunds von Studierenden bei Prüfungen, die zu Hause über keinen regelmäßigen Internetzugang und über kein geeignetes Lernumfeld verfügen.

Studierende brauchen gute Anleitungen und gute Kommunikation

Dass genau diese Fragestellungen auch die österreichischen Studierenden, Lehrenden und Hochschulen beschäftigen, belegte die nachfolgende, erste Diskussionsrunde auf dem hochschulischen Dialog von BMBWF und OeAD. Da berichtete etwa Karina Fernandez, Professorin für Edcational Governance an der Pädagogischen Hochschule Steiermark, von der teilweisen Überforderung ihrer Studierenden, digital zu lernen und Prüfungen ablegen zu müssen. Studierende bräuchten ganz klare Anleitungen, was in welcher Form von ihnen verlangt und was wie bewertet werde, sagte sie. Dazu bedarf es schneller, transparenter Kommunikation.

Birgit Rabeder, die Assistentin des Vizerektors für Lehre an der Johannes-Kepler-Universität Linz, nimmt als Erfahrung der vergangenen Monate mit, dass digitale Prüfungen aufwändiger vorzubereiten und durchzuführen seien als analoge. Zudem habe sich herauskristallisiert, dass digitale Prüfungen nicht überall sinnvoll eingesetzt werden könnten. Das gelte besonders für Open-Book-Klausuren, bei denen Unterlagen oder auch das Internet zur Beantwortung der Fragen eingesetzt werden dürfen. „Bei uns hat es sich in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern besser bewährt, Prüfungen handschriftlich, mündlich oder als Mischform abzuhalten. Die Notizen werden dann eben abfotografiert und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt hochgeladen“, so Rabeder.

Gute Digitale Lehre: Kompetenzorientierung statt „Bulimielernen“

Martin Staudinger von der Porsche FernFH, hat hingegen kein Problem damit, Open-Book-Prüfungen umfassend einzusetzen. Seine FH tut das, seitdem Prüfungen aufgrund der Corona-Pandemie nur mehr eingeschränkt in Präsenz abgehalten werden können. „Wir sind zwar Österreichs einzige Fachhochschule, die auf Fernlehre spezialisiert ist. Dennoch haben unsere Prüfungen bisher stets als Präsenzprüfungen stattgefunden. Das haben wir radikal umgestellt“, betont Staudinger. Aber auch bei Open-Book-Prüfungen gibt es aus seiner Sicht viele Gestaltungsmöglichkeiten. Open Book-Klausuren könnten synchron oder asynchron ablaufen, als Single-, Multiple-Choice- oder als Freitext-Fragen gestaltet sein.

Einigkeit herrschte am virtuellen Podium, aber auch unter den Teilnehmenden im Chat, dass das Anlernen und Abfragen reinen Faktenwissens heutzutage nicht mehr zeitgemäß sei. Anstelle des „Bulimielernens“ sei Kompetenzorientierung das Gebot der Stunde.

Vertrauen in statt Generalverdacht gegenüber Studierenden, digital zu schummeln

Das sah Kristina Kern, die einzige Studierendenvertreterin der Runde, ähnlich. Auch die Referentin für Fachhochschulangelegenheiten innerhalb der ÖH empfinde „Artenvielfalt beim Prüfen“ als vorteilhaft, weil Lehrende damit besser auf die verschiedenen Lebensrealitäten der Studierenden eingehen könnten. Weitaus mehr Probleme habe Kern einerseits mit unklaren Regelungen, wie Lehrveranstaltungen und Prüfungen an einer Universität oder Hochschule digital abgehalten werden, andererseits mit der mangelnden Erreichbarkeit von Lehrenden und der damit verbundenen fehlenden Kommunikation. Besonders häufig beklagten sich Studierende bei Kern wegen des immensen Zeitdrucks, der bei digitalen Prüfungen herrsche. „Wir haben bei manchen Prüfungen vielleicht 30 Sekunden, um eine Frage zu beantworten. Bei anderen müssen wir drei Kameras aufstellen, nur um dem Generalverdacht entgegenzutreten, dass wir nicht schummeln“ sagte sie. Deshalb wünsche sich Kern, dass Studierenden grundsätzlich mehr Vertrauen entgegengebracht werde. Dem pflichtete Staudinger von der FernFH bei: „Unser Motto lautet: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Deshalb geben wir unseren Studierenden auch einen Vertrauensvorschuss bei Prüfungen.“

Studierenden klarmachen, dass sie nicht (nur) für die Prüfung lernen

Das sahen die Teilnehmenden der zweiten Diskussionsrunde ähnlich. Insbesondere Andreas Körner von der Fakultät für Mathematik, der zugleich auch am Zentrum für strategische Lernentwicklung der Technischen Universität Wien tätig ist, berichtete von guten Erfahrungen mit Studierenden, wenn man ihnen bei Prüfungen einen Vertrauensvorschuss entgegenbringe. Auch Doris Carstensen von der Paracelsus-Medizin-Privatuniversität (PMU) Salzburg strich ebenso die Wichtigkeit des respekt- und vertrauensvollen Umgangs zwischen Lehrenden und Studierenden hervor, solange keine Seite absolut enttäuscht werde. Wie weit dies reichen kann, davon berichtete Silva Apprich, Studiengangsleiterin an der Fachhochschule Campus Wien. Sie erzählte von einer Studierenden, aus deren Prüfungsantworten offensichtliches Schummeln hervorgegangen sei. Apprich habe es bei einem Hinweis auf den Betrug belassen, weil die betroffene Prüfung nur ein Fünftel der Gesamtnote ausgemacht habe. „Das hat auch genügt. Man muss an die Eigenverantwortung der Studierenden appellieren und ihnen klarmachen, dass sie nicht für die Prüfung, sondern für ihr Berufsfeld lernen“, meinte sie.

Digitale Prüfungen müssen didaktisch anders aufbereitet sein

Die Fachhochschule Management Center Innsbruck (MCI) setzt bei ihren schriftlichen Online-Prüfungen hingegen auf technische Lösungen. Die absolvieren Studierende nach ihrer Identifikation in einer sicheren, geschlossenen Cloud, berichtete Claudia Mössenlechner von der Kollegiumsleitung des MCI. Sie hob den Stellenwert der Feedbackkultur bei digitalen Prüfungen und digitalen Lehrveranstaltungen hervor. Das liege an der höheren, nachvollziehbareren Interaktion in der digitalen Lehre als in der Präsenzlehre sei, weil technisch mehr Möglichkeiten offen stünden. Für Mössenlechner sei es daher auch entscheidend, digitale Lehrveranstaltungen und Prüfungen didaktisch entsprechend anders aufzubereiten.

Gegenseitiges digitales Feedback ist für Studierende und Lehrende essenziell

Das passiert an den Universitäten und Hochschulen auch, wie die Diskutantinnen und Diskutanten bestätigten. An der FH Campus Wien ersetze man beispielsweise Abschlussprüfungen durch mehrere Zwischenprüfungen, an der PMU würden Prüfungen nun stärker in Lehrveranstaltungen integriert, wodurch Studierende regelmäßigere Feedbacks erhielten und große Abschlussprüfungen an Gewicht verlören. Gegenseitiges Feedback sei sowohl für Studierende als auch für Lehrende gerade bei digitalen Prüfungen essenziell, lautete der gemeinsame Tenor der zweiten Diskussionsrunde. Deshalb brauche es auch den wechselseitigen, hochschulübergreifenden Austausch über gutes digitales Lehren und Prüfen – darunter auch Vernetzungsveranstaltungen, wie eben diesen hochschulischen Dialog von BMBWF und OeAD.
Dessen Quintessenz brachte Claudia Mössenlechner vom MCI wohl am besten auf den Punkt, als sie meinte: „Gute Lehre bleibt gute Lehre – egal ob digital oder analog.“

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