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Mit der Handy-App zu mehr ECTS-Gerechtigkeit

Die österreichischen Universitäten und Hochschulen tun bereits viel, um den Arbeitsaufwand der Studierenden möglichst ausgewogen im Studienverlauf zu verteilen. Das bewiesen die Präsentationen auf dem 3. Dialog zur hochschulischen Lehre, zu dem das BMBWF und der OEAD eingeladen hatten.
Sie zeigten auch: Patentlösung dafür gibt es keine. 

Theoretisch sollte alles klar sein. Für einen ECTS-Punkt müssen Studierende durchschnittlich rund 25 Stunden in Präsenz- und Selbststudium aufwenden. So sieht es das European Credit Transfer System (ECTS) vor, das im Rahmen des Bologna-Prozesses an Universitäten und Hochschulen im gesamten Europäischen Hochschulraum eingesetzt wird. Tatsächlich stellt sich die Problemlage weitaus komplizierter dar, wie allein die rege Teilnahme am 3. Dialog zur hochschulischen Lehre bewies, der coronagerecht in digitaler Form abgehalten wurde. Und zu dem das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung gemeinsam mit dem OeAD, Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung, am 18. Mai 2021 im Rahmen des Projekts „3-IN-AT“ eingeladen hatten. 
Das belegen aber auch Erhebungen wie die Studierendensozialerhebung 2019 (SOLA), in der fast jede/r zweite der mehr als 42.000 befragten Studierenden angegeben hat, dass der tatsächliche Arbeitsaufwand für eine Lehrveranstaltung höher ist als angegeben. 32 Prozent meinten, dass die Studienpläne zu viele Lehrveranstaltungen pro Semester vorsehen und 41 Prozent, dass zu viele Prüfungen in zu kurzer Zeit zu absolvieren seien. 

Mehr ECTS-Gerechtigkeit durch die aktuelle UG-Reform 

Eröffnungsredner Elmar Pichl, der Leiter der Hochschulsektion im BMBWF, hatte eine einleuchtende Erklärung dafür: „Die Form, Gestalt und Gestaltung, die mit einer Lehrveranstaltung und Prüfung verbunden sind, orientierte sich lange Zeit an Vollzeitstudierenden. Die Herausforderung ist, dass die bzw. der typische Studierende in Österreich oft gar nicht Vollzeit studiert, sondern, dass wir es mit einer sehr heterogenen Gruppe an Studierenden zu tun haben. Das haben wir im Fokus“. Er verwies auf die aktuelle Reform des Universitätsgesetzes (UG-Novelle), die unter anderem eine stärkere Verbindlichkeit von ECTS-Gerechtigkeit durch verpflichtende interne Qualitätssicherungsmaßnahmen an Universitäten und Hochschulen vorsieht. 

Lernen aus der Praxis

Dabei, das belegten die präsentierten Beispiele aus der hochschulischen Praxis, achten Lehrende und Studienprogrammleitende an Universitäten und Hochschulen mit verschiedenen Instrumenten darauf, ECTS-Gerechtigkeit bestmöglich umzusetzen. Beispielhaft seien zu erwähnen: 
•    Die Fachhochschule der Wirtschaftskammer Wien hat dazu ein eigenes webbasiertes Training für das sog. „Constructive Alignment“ entwickelt, das durch die Abstimmung von Lernergebnissen, Leistungsnachweisen und Lehr/Lernaktivitäten eine transparente Workload-Berechung bei der Planung eines Kurses ermöglicht. Als Teil eines fünfstufigen Lernzyklus werden ausgehend von der LV-Beschreibung im Curriculum – an der FHWien der WKW „Syllabus“ genannt – und der Modulbeschreibung workloadgerechte Lehrveranstaltungskonzepte entwickelt und tatsächlich im Hörsaal eingesetzt.  Das webbasierte Training umfasst die ersten drei Stufen der Fortbildung Teaching 1. „Sie dürfen sich das nicht als reinen Webkurs vorstellen, sondern als Teil eines hochschuldidaktischen Fortbildungsdesigns“, erläutert Olivia Vrabl den fünfstufigen Lernzyklus. Die Lehrveranstaltungskonzepte werden im Rahmen weiterer hochschuldidaktischer Fortbildungen (Teaching 2) einem Feinschliff unterzogen, optimiert und weiterentwickelt.
•    Die Fachhochschule Oberösterreich setzt hingegen auf eine Vollerhebung im Rahmen der Evaluierung der Studiengänge, um den Workload für die Studierenden zu erheben. Darüber hinaus tragen die Lehrenden und/oder die Studierendenvertreter/innen die zu erledigenden Aufgaben in eine gemeinsame Planungstabelle ein. Zusätzlich findet während des Semesters eine Befragung einer Fokusgruppe von fünf bis sieben Studierenden statt, die über ihre Studienerfahrungen berichten. Daniela Freudenthaler, Professorin für Innovation, und ihr Kollege, der Wirtschaftsinformatiker Gerold Wagner, die dieses Monitoring entwickelt haben, betonen, dass diese aufwändige Vorgangsweise nur mit einer überschaubaren Anzahl an Studierenden möglich sei. 
•    Die Veterinärmedizinische Universität Wien wiederum zählt zu jenen Universitäten und Hochschulen in Österreich, die für die Messung des tatsächlichen Workloads von Lehrveranstaltungen und Prüfungen auf die kostenpflichtige „Studo App“ setzen. Sie funktioniert ähnlich wie andere Selbstmessungs-Applikationen, die man sich auf das Handy laden kann. Wie bei einer Fitness- oder Diät-App gibt man dann die Anwesenheiten an der Hochschule sowie die Stunden für Selbststudium und wissenschaftliche Recherche an. Das genaue personalisierte Ergebnis liegt nur der/dem Studierenden selbst vor, die Lehrenden und die Studienverantwortlichen erhalten lediglich eine anonymisierte Gesamtrückmeldung, aus der die Anzahl der abgehaltenen Lehrveranstaltungen in einem Semester, die (durchschnittliche) Zahl der Teilnehmer/innen, der Anteil der Berufstätigen ersichtlich sind sowie die Anzahl der Überschreitungen, was das Ausmaß für den Studienaufwand betrifft. In Zukunft könnten auch Anwesenheitszeiten über den Studierendenausweis, die Vetmed-Card, bestimmt werden. „Wir haben während COVID-19 die Messung der Anwesenheiten der Studierenden in Hörsälen und Lernzonen über ihre Vetmed-Card, also ihren Studierendenausweis, zum Zwecke von COVID-Tracking abgestimmt und technisch möglich gemacht. “, betont die Verantwortliche an der Vetmed, Sibylle Kneissl.
•    Einen ähnlichen Weg wie die Vetmed hat die Technische Universität Wien eingeschlagen. Sie setzt mit dem Lerntagebuch „QUINN“ jedoch auf die Lösung eines hauseigenen Start-Ups. Auch damit können Studierende ihren Lernaufwand in Echtzeit eintragen, egal ob er im Hörsaal, zu Hause, als Lehrveranstaltungs- oder Prüfungsvorbereitung erfolgt. Die Verantwortlichen an der TU erhalten auch dabei nur anonymisierte Gesamtübersichten, weil QUINN außerhalb der TU-eigenen Lehr- und Lernplattform TISS läuft. Die werden laut Shabnam Tauböck, der Leiterin des Zentrums für strategische Lehrentwicklung, dann gesondert evaluiert und die als kritisch eingestuften Lehrveranstaltungen in Folge mit den zuständigen Lehrenden, den Studiendekan/inn/en sowie – ab dem kommenden Wintersemester 2021/22 - auch mit ausgesuchten Fokusgruppen diskutiert, wobei die Ergebnisse aus dem studentischen Feedback zu Lehrveranstaltung und Prüfung hier als weitere Bausteine ebenfalls eingehen. Den Abschluss dieses doch umfassenden Evaluierungsprojektes bilden externe Peer Reviews, die Ende 2021 starten sollen.
•    Workload-Anpassungen als integraler Bestandteil der Lehrveranstaltungsevaluation – das ist die Methode, der sich die Universität Salzburg schon seit dem Wintersemester 2008/9 verschrieben hat, um mehr ECTS-Gerechtigkeit herzustellen. Dabei werden die Studierenden im Rahmen der Lehrveranstaltungsevaluierung ersucht, die für das erfolgreiche Absolvieren einer Lehrveranstaltung benötigten Arbeitsstunden retrospektiv zu schätzen. Das Verhältnis des durchschnittlichen Ist-Werts zum Soll-Wert soll die Lehrenden dabei unterstützen auffällige Über- aber auch Unterforderungen identifizieren, um entsprechende Anpassungen vornehmen zu können, erklärt Paul Lengenfelder, Mitarbeiter des Qualitätsmanagement Lehre an der Universität Salzburg. Überforderungen sind vergleichsweise der seltenere Fall, häufiger komme es vor, dass Studierende weniger gefordert sind als vorgesehen. „Wir beobachten auch, dass der Workload in Lehrveranstaltungen mit wenigen ECTS Punkten eher über dem Soll liegt, weil dort mehr ‚reingepackt‘ wird“, so Lengenfelder.
•    Die Fachhochschule St. Pölten setzt neben einer elaborierten Curriulaentwicklung und einer umfassenden Lehrevaluierung stark auf die Personalentwicklung. Sie bietet einen hochschuldidaktischen Lehrgang für hauptberufliche Dozent/inn/en an, der mit 7 ECTS-Punkten bewertet ist. „Darin wird ihnen in zwei Semestern das didaktische Handwerkszeug vermittelt“, erklärt Josef Weißenböck, der Leiter des Hochschuldidaktik-Zentrums SKILL.
•    Die Kunstuniversität Graz (KUG) verzeichnet aktuell rund 2.300 Studierende in insgesamt 171 belegbare ordentliche Studien. Aufgrund dieser überschaubaren Größe sei es ihr möglich, auf vergleichsweise unbürokratische Art und Weise Adaptierungen in den Curricula vorzunehmen, falls es Probleme in Sachen ECTS-Gerechtigkeit gibt. „Es braucht trotzdem seine Zeit – von der ersten Anregung, das Curriculum abzuändern, bis zum finalen Beschluss der Curricularkommission. Trotzdem ist diese Vorgangsweise für uns als Kunstuni wichtig, weil der Workload je nach Instrument und Studienbereich sehr unterschiedlich ausfallen kann. Auf dem Klavier kann man länger üben, als etwa beim Gesang“, betont Harald Lothaller, Direktor des Studiencenters an der KUG.
 
Diskutiert wurde auf dem 3. Dialog zur hochschulischen Lehre auch die Schwierigkeit der Umsetzung der ECTS-Gerechtigkeit in Lehramtsstudien, die gemeinsam von mehreren Universitäten und Pädagogischen Hochschulen angeboten werden. In diesem Fall sind Studierende und zum Teil auch Lehrende an mehreren Hochschulinstitutionen tätig, an denen Lehrveranstaltungen und Prüfungen stattfinden. Das bedeutet oftmals, dass in verschiedenen Online-Umgebungen, Lernsystemen und Infrastrukturen gearbeitet werden muss, einen höheren Abstimmungs- und Kommunikationsaufwand oder das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Lehr- und Lernkulturen. In diesem Zusammenhang sind Workload-Anpassungen besonders kompliziert vorzunehmen, weil Curricula-Änderungen von allen beteiligen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen übernommen werden müssen, berichteten Sabine Harter-Reiter, vom Institut für Bildungswissenschaften und Forschung der Pädagogischen Hochschule Salzburg und Maximilian Wagner, zuständiger Vertreter der Lehramtsstudierenden. 
Für Martina Müller, Lehrende an der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz besteht neben den grundsätzlichen Bemühungen, die Anforderungen an die Studierenden innerhalb des Studiums abzustimmen, aber noch eine völlig andere Herausforderung im Zusammenhang mit dem Lehramtsstudium. „Da nahezu die Hälfte unserer Studierenden bereits an Schulen unterrichten, war die Herausforderung während des Distance Learnings für sie besonders groß; die Frage der Vereinbarkeit von Studium und Beruf ist dabei akut geworden. Gleichzeitig entsprach die Workload vielfach nicht mehr den zugewiesenen ECTS Anrechnungspunkten, weil die Lehrenden Schwierigkeiten zu haben schienen, diese im Distance Learning einzuschätzen“, sagt sie. 


Links

Nachlese zum 3. Dialog zur hochschulischen Lehre auf der Webseite des OeAD:
Dort sind auch alle Präsentationen und weitere Informationen zu dieser Veranstaltung zu finden. 
Nähere Informationen zum Projekt „3-IN-AT“ 
OeAD – Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung 
QUINN – Projekt der TU Wien zur Untersuchung und Förderung der Studierbarkeit 
Studo – Sicherer Service für Studierende und Hochschulen