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Distance Learning: Ergänzung ja, Ersatz nein

„Plötzlich online“, hieß es im Frühjahr, nachdem die Universitäten und Hochschulen aufgrund der Corona-Pandemie schließen und ihren Lehr- und Prüfungsbetrieb fast ausschließlich digital abhalten mussten. Das BMBWF lud zur ersten von zwei Veranstaltungen zum Thema „Distance Learning – Lessons Learned“ ein, um Erfahrungen auszutauschen und auf das kommende Wintersemester 2020/21 zu blicken.

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Distanzwahren war beim Gruppenfoto aller Vortragenden bei der Veranstaltung „Distance Learning Lessons Learned“ angesagt. ( v.l.n.r. Bernhard Kernegger (Universität für angewandte Kunst Wien), Martin Ebner ( TU Graz), Elmar Pichl ( BMBWF), Eva Karall (Universität Wien, Sabine Baumgartner (Universität für Bodenkultur Wien), Charlotte Zwiauer und Lukas Mitterauer (beide Universität Wien))

Man könnte es als Zeichen deuten, dass es die erste Veranstaltung war, die das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Hybridform abgehalten hatte. Am Donnerstag, den 10. September 2020, fand „Distance Learning - Lessons Learned“ zeitgleich im BIG-Hörsaal der Universität Wien und digital – über das Open Source-Videokonferenzsystem BigBlueButton - statt. Ganz ähnlich werden nun wahrscheinlich viele Lehrveranstaltung, insbesondere Workshops, Übungen und Seminare im bevorstehenden Wintersemester 2020 ablaufen, das weiterhin von der Corona-Pandemie überschattet wird.

Katapultsituation für die digitale Lehre

Zumindest stellen sich die Universitäten und Hochschulen aufgrund der damit verbundenen potenziellen Einschränkungen auf einen Mix aus Präsenz- und Digitalveranstaltungen ein, wie etwa Christa Schnabl, die Vizerektorin für Lehre der Universität Wien und Co-Gastgeberin der Veranstaltung bestätigte. Dabei sei die bisherige Situation keine einfache gewesen, nachdem das Sommersemester 2020 nach der Schließung der Hochschulen und Universitäten im März digital abgehalten werden musste. „Das war eine Katapultsituation für die digitale Lehre“, die nur mit einer gemeinsamen enormen Kraftanstrengung zu bewältigen gewesen sei, meint Schnabl.

An der Universität Wien hat das – allein angesichts ihrer Größe – mit Sicherheit zugetroffen, galt es doch innerhalb weniger Tage und Wochen den gesamten Lehr- und Prüfungsbetrieb für die mehr als 90.000 Studierenden und die 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohl ausschließlich online abzuwickeln. So wurden an der Universität Wien im Sommersemester 2020 über die Lernplattform Moodle 8.673 Kurse abgewickelt, davon 6.486 Lehrveranstaltungen und 1.400 Online-Prüfungstermine mit ca. 73.000 Prüfungsleistungen. Bis zu 45.000 Nutzerinnen und Nutzer waren dabei pro Tag allein auf Moodle aktiv –  die, die andere Homelearning-Services, wie etwa Videokonferenztools verwendet haben, nicht eingerechnet. Und noch ist es nicht vorbei, denn das Sommersemester endet erst am 30. September.

Grenzen: Netzwerkkapazität und Kunstwerke via Videopräsentationen

Nicht weniger herausfordernd gestaltete sich die Situation an der Technischen Universität Graz. „Wir haben mit 160.000 Aktivitäten pro Tag in unserem Learning-Management-System und zahlreichen parallelen Livestreams die Grenzen der Server erreicht“, berichtete Martin Ebner, der Leiter der Organisationseinheit Lehr- und Lerntechnologien der TU Graz, in seinem Vortag. Für die Studierenden der Universität für Angewandte Kunst Wien wiederum sei es insofern besonders schwierig gewesen, weil Studierende ihre künstlerischen Arbeiten digital präsentieren mussten. „Wir haben uns mit Videoformaten oder anderen Ideen beholfen“, erzählt Bernhard Kernegger, der zuständige Vizerektor für Lehre und Entwicklung. So habe man Studierenden etwa Tonpakete nach Hause geschickt, mit denen sie daheim dann Keramiken anfertigen und diese zum Brennen wieder an die Universität schicken konnten. „Vieles hat gut funktioniert – aber nicht so gut wie vor Ort. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass Distance Learning Präsenzlehre bestenfalls ergänzen, aber nicht ersetzen kann“, betont Kernegger.

Das, was geht, wird nun im neuen Wintersemester digital abgehalten 

Das sieht Sabine Baumgartner, die Vizerektorin für Lehre an der Universität für Bodenkultur Wien, ähnlich. An ihrer Universität sei es gelungen, im Sommersemester rund 86 Prozent digital umzustellen. „Der Rest hat vor allem Exkursionen im Freien und praktische Übungen mit Messgeräten und in Labors betroffen, die sich kaum sinnvoll digital abhalten lassen. Deshalb haben wir diese Lehrveranstaltungen auch in den Sommer bzw. September verschoben“, sagt sie. Einzig Auslandsreisen, die aufgrund der Reisebeschränkungen nicht durchgeführt werden konnten, seien tatsächlich abgesagt worden. An dem Grundsatz, alles, was geht, digital abzuhalten, wolle die BOKU auch im bevorstehenden Wintersemester 2020/21 festhalten. „Unser Ziel ist, möglichst wenig abändern zu müssen, selbst wenn sich die Vorgaben aus dem Gesundheitsministerium ändern – insbesondere die Schaltung der Corona-Ampel. Daher ist es notwendig, genügend Raum für die Lehrveranstaltungen und Prüfungen bereitzuhalten, die tatsächlich vor Ort stattfinden müssen“, sagt sie.

Digital ist kein Ersatz für die Präsenz an Universitäten

Doch was sind nun die Lehren, die die Universitäten aus der Umstellung auf Distance Learning gezogen werden können? Was hat sich bewährt? Was sollte sich nicht wiederholen? Anhaltspunkte liefern die Erhebungen und Umfragen, die die Universitäten während ihres Digitalbetriebs unter ihren Lehrenden und Studierenden durchgeführt haben. Sie belegen, was Vizerektor Kernegger bereits deutlich machte: Dass Distance Learning eine gute Ergänzung, aber kein Ersatz für Präsenzlehre sein kann. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht verlieren, was Universität ausmacht: Ein Raum für Ungeplantes, in dem auch Zufälliges passieren kann“, betont dieser. Dieser Raum sei insbesondere für die Lehre an Kunstuniversitäten essenziell.

Distance Learning funktioniert nur mit guter, intensiver Kommunikation

Für Ebner der TU Graz ist gute Kommunikation zwischen den Studierenden und den Lehrenden, aber auch zwischen den Studierenden untereinander entscheidend. „Wenn die Kommunikation nicht funktioniert, funktioniert auch Distance Learning nicht“, sagt er mit Verweis auf die Umfrage, die die TU Graz unter ihren Studierenden im Mai 2020 durchgeführt hatte. Darüber hinaus müssten Lehrende und auch Studierende in der sogenannten Instructional-Design-Kompetenz geschult werden, also der Fähigkeit, digitale Lehr- und Lerninhalte mit den richtigen Hilfsmitteln didaktisch gut aufzubereiten und entsprechend Lehr- und Lernsettings zu konzipieren.

Studierende als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Distance Learning

Das Center for Teaching and Learning (CTL) der Universität Wien startete dafür bereits seit März 2020 eine eigene Homelearning-Initiative für Lehrende und Studierende. „Wir bieten seither für Lehrende und Studierende Webinare, Tutorials oder auch Templates für digitale Lehrveranstaltungen an. Besonders gefragt sind unsere 70 e-Multiplikatorinnen und -multiplikatoren. Das sind speziell geschulte Studierende, die in den Instituten und Fakultäten mit Rat und Tat zur Seite stehen“, beschreibt CTL-Leiterin Charlotte Zwiauer das Angebot. Darüber hinaus habe die Universität Wien ihre Technik kräftig aufgerüstet. Begleitet werden all diese Maßnahmen durch das Feedback, das die Universität Wien durch ihre regelmäßigen Umfragen und Erhebungen erhält. Auch anlässlich der Umstellung auf Distance Learning wurden Studierende und Lehrende befragt. „Daher wissen wir, dass frontale faktenbasierte Lehrinhalte wie Online-Vorlesungen und asynchrone Lehrformate – die zeitversetzt stattfinden – gut angenommen werden. Bei interaktiven Formaten und praktischen Übungen ist das weniger der Fall“, sagt Lukas Mitterauer, der stellvertretende Leiter der Besonderen Einrichtung Qualitätssicherung, die an der Universität Wien, diese Erhebungen durchführt.

Distance Learning braucht viele Ressourcen, gute Vorbereitung und viel Vertrauen

Diesen Befund kann Vizerektor Kernegger von der Universität für angewandte Kunst nur bestätigen. Dort ist es gelungen, das „Angewandte Festival“, auf dem Studierende jedes Jahr ihre Abschlussarbeiten präsentieren, innerhalb weniger Wochen in diesem Jahr als rein digitales Festival umzugestalten. Das Ergebnis kann man unter https://angewandtefestival.at/random/ nachschauen. Kernegger zeigte sich sichtlich zufrieden damit, auch wenn es sicher nicht dasselbe gewesen sei wie sonst. „Es braucht dafür gute Vorbereitung, viele Ressourcen und vor allem viel Vertrauen, in die Menschen, die mitarbeiten“, sagte er. Das trifft wohl auch für das Distance Learning im Allgemeinen zu.

Downloads

„Wer aus der Not eine Tugend macht“ –Präsentation von Vizerektor Bernhard Kernegger, Universität für angewandte Kunst Wien (PDF, 1 MB)
„Distance Learning - Lessons Learned: Transformation der Lehre in digitale Räume – vom Schock zur Selbstverständlichkeit?“ – Präsentation von Eva Karall (Zentraler Informatikdienst ZID), Lukas Mitterauer (Besondere Einrichtung für Qualitätssicherung BEfQ) & Charlotte Zwiauer (Center for Teaching and Learning CTL), Universität Wien (PDF, 877 KB)
„Digitale Lehre in Zeiten von COVID-19 an einer Technischen Universität“ – Präsentation von Martin Ebner, Organisationseinheit Lehr- und Lerntechnologien, Technische Universität Graz (PDF, 1 MB)
„BOKU - Distance Learning Lessons Learned?“ – Präsentation von Vizerektorin Sabine Baumgartner, Universität für Bodenkultur Wien (PDF, 243 KB)
Die Präsentationen sind aktuell nicht in barrierefreier Form verfügbar.

Links

Fotos der Veranstaltung
Universität Wien
Universität für angewandte Kunst Wien
Technische Universität Graz
Universität für Bodenkultur Wien
CTL – Center for Teaching and Learning der Universität Wien
Besondere Einrichtung für Qualitätssicherung der Universität Wien
Organisationseinheit für Lehr- und Lerntechnologien der Technischen Universität Graz