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Distance Learning II: Was Hochschulen von Netflix lernen können

Das BMBWF lud Vertreter/innen von Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Privatuniversitäten auf der Veranstaltung zum Thema „Distance Learning Lessons Learned – FH, PH, PU“ ein, über ihre Erfahrungen zu diskutieren. Sie sind vielfältig und doch nicht völlig überraschend.

„Die Zukunft ist nicht abgesagt“, lautet das Motto der Fachhochschule Technikum Wien. Ihr Rektor Fritz Schmöllebeck findet, es könnte aber genauso gut für alle Hochschulen in Österreich gelten. „COVID-19 hat uns alle unvorbereitet und überraschend getroffen. Aber ich denke, wir alle haben im vergangenen Semester bewiesen, dass wir uns rasch umstellen und auch digital gut lehren können. Die Zukunft kann also kommen – wir sind jedenfalls bereit dafür“, sagte er bei der Eröffnung der Veranstaltung „Distance Learning Lessons Learned – FH, PH, PU“, zu der das BMBWF an der FH Technikum Wien am 24. September 2020 eingeladen hatte.
Sie musste – ähnlich wie das Sommersemester 2020 - coronabedingt in digitaler Form stattfinden. Deshalb waren nur die Gastgeber – Elmar Pichl, Leiter der Hochschulsektion des BMBWF, FH Technikum Wien -Rektor Fritz Schmöllebeck und der Leiter des dort ansässigen Departments „Applied Mathematics & Physics“, Gerd Christian Krizek - im Festsaal der FH Technikum Wien tatsächlich anwesend. Die übrigen Vortragenden und die Teilnehmer/innen waren digital via Zoom zugeschalten.

Mathematik lehren – mit Stift, Zettel und Smartphone

Ihnen zeigte Krizek in seinem Eröffnungsvortrag, wie eine digitale Mathematik-Vorlesung von zu Hause aus funktionieren kann, wenn keine Tafel und kein großer Hörsaal dafür zur Verfügung stehen. Er begann auf einem Grafik-Tablet eine Sinuskurve aufzuzeichnen und Mathematikformeln aufzuschreiben, die zeitgleich auf dem Bildschirm aufschienen. „Das Problem bei der Mathematik ist, dass man gerade Grafiken und komplizierte Rechenwege nicht gut über PowerPoint-Präsentationen vermitteln kann. Das muss man live gemeinsam mit den Studierenden machen, damit sie das auch nachvollziehen können“, betonte Krizek.
Dass das auch ganz einfach geht, bewies die FH Joanneum. Jutta Pauschenwein und Christina Mossböck vom ZML -Innovative Lernszenarien berichteten von einem ihrer Lehrenden, der sich zu Hause mit den vorhandenen Utensilien ein einfaches Stativ gebaut und dann Stift und Zettel mit dem Smartphone abgefilmt habe, während er den Studierenden etwas vorgerechnet habe. An der FH Joanneum werden jedoch auch technisch weniger handgestrickte Methoden eingesetzt, allen voran Lehrvideos oder sogenannte Wikis, also einfache digitale Wissensplattformen nach dem Prinzip des Online-Lexikons „Wikipedia“ für Lehrveranstaltungen. Am besten komme aber die Lehrveranstaltungsserie „Didaktische Kleinigkeiten“ an, die mittlerweile zwei Staffeln mit je neun Episoden umfasse. „Sie ist wie eine Netflixserie aufgebaut. Die Überlegung dahinter war: Alle schauen Netflix. Wieso soll man dieses Prinzip mit Cliffhanger am Ende jeder Folge nicht auch in der digitalen Lehre einsetzen?“, fragte Pauschenwein.

Digitale Schulpraktika ermöglichen individuelle Förderung

An der Pädagogischen Hochschule Steiermark wiederum hätten sich „Online-Barcamps“ bewährt, also offene Online-Workshops, auf denen sich Lehrende über ihre Erfahrungen im Distance Learning und Distance Prüfen niederschwellig austauschen können. Ergänzt werde das Angebot mit einer Reihe von internen Fortbildungen und einem eigenen Moodle-Kurs, der gezielt den Umgang mit technischen Tools – Moodle, Webex und MS Teams –  behandle.
„Die didaktische Kompetenz der Lehrenden ist auch bei digitaler Lehre zentral und muss kontinuierlich gefördert werden“, lautet eine der zentralen Erkenntnisse der PH Steiermark nach einem Semester Distance Learning. Eine zweite zentrale Erkenntnis war: Distance Learning verlange besondere Flexibilität, von Studierenden, Lehrenden, aber auch von den Hochschulleitungen. „Wir organisieren jedes Jahr die rund 5.500 Schulpraktika, die Lehramtsstudierende in der Steiermark absolvieren. Das Problem war, dass die Schulen von März bis Mai geschlossen waren. Deshalb haben wir Praktika im virtuellen Klassenzimmer erlaubt und entsprechend umgestellt. Darüber hinaus haben wir Einzel- und Gruppenförderung zugelassen, sodass unsere Studierenden Schüler/innen individuell unterstützen konnten“, erzählt PH-Rektorin Elgrid Messner.

Textiles Werken, Bildnerische Erziehung und Sport sind digital kaum vermittelbar

Insgesamt betrachtet habe das Distance Learning ganz gut funktioniert, wie eine Studierendenbefragung von Mai und Juni 2020 belegt. 60 Prozent der Studierenden hätten demnach der PH Steiermark ein „Sehr Gut“ oder „Gut“ für ihre Krisenbewältigung gegeben. Zugleich hätten sich aber auch die Grenzen digitaler Vermittlung offenbart: Distance Learning sei insbesondere in praktisch-orientierten Lehramtsstudien wie im Textilen Werken, in Bildnerischer Erziehung sowie in Bewegung und Sport kaum sinnvoll möglich - auch wenn gerade die PH über viel Expertise im Bereich Didaktik und Pädagogik verfüge. Messner: „Hier haben wir die Fristen verlängert und diese Lehrveranstaltungen und Praktika später nachgeholt.“ Sie betonte abschließend, wie wichtig klare Regelungen sind um den Studienfortschritt beim Distance Learning zu gewährleisten.

Corona isoliert: Spezielle Hilfe für internationale Studierende

An der Modul Private University Vienna sei die größte Herausforderung der Umgang und die Betreuung der vielen internationalen Studierenden gewesen. Von den knapp 900 Studierenden würden über 70 Prozent aus dem Ausland stammen, die vor allem wegen Ein- und Ausreiseproblemen aufgrund der Grenzschließungen Unterstützung benötigten. „Viele Studierende, die in Österreich geblieben sind, klagten über Selbstisolation, weil sie plötzlich auf sich alleine gestellt waren. Ihre Familien befanden sich im Ausland. Umgekehrt haben wir Studierende, die nach Hause zurückkehrt sind, und dort keinen Internetzugang haben, weil ihre Eltern beispielsweise in Indien leben“, erzählte Marion Garaus, die zuständige Dekanin für die Bachelorstudien an der Modul University. Auch weist sie auf die besondere „Schummel-Gefährdung“ von Onlineprüfungen hin und erwähnt die diesbezüglich strikten Regelungen ihrer Universität.
Distance Learning: Auf die IT-Infrastruktur und die Kommunikation kommt es an
Deshalb zähle für sie eine funktionierende IT-Ausstattung samt Internetzugang zu den wesentlichen Grundvoraussetzungen für gutes Distance Learning. Eine andere sei die funktionierende Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden, aber auch zwischen den Studierenden untereinander. Die Modul University werde daher ihre im Sommersemester 2020 verstärkten Kommunikationsaktivitäten auch im Wintersemester 2020/21 fortsetzen, darunter: Live Chats, virtuelle Yoga Sitzungen und „Digital Breakfasts“ zu bestimmten Themen, die Weiterführung der Student Support Group, die Servicierung über Facebook, die Studo App und das Weekly Student Update via E-Mail, um nur einige zu nennen.

Distance Learning: Auf die soziale Interaktion kommt es an

Auch für Karl Pfeiffer, den wissenschaftlichen Geschäftsführer der FH Joanneum, komme es auf die gelungene soziale Interaktion zwischen den Lehrenden und Studierenden an. „Für uns ist die Frage zentral, wie wir die Studierende erreichen und wie wir sie motiviert halten“, sagt er. Dafür sei entscheidend, dass sie sich nicht nur als passive Konsumierende des Lehr- und Lerngeschehens erleben, sondern als aktive Mitgestaltende. Die FH Joanneum bilde daher die jeweiligen Jahrgangssprecherinnen und –sprecher zu Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für E-Learning heran, die ihren Studienkolleginnen und –kollegen dann mit Rat und Tat zur Seite stünden.
Dass Studierenden das Distance Learning nicht immer leicht fällt, belegt nicht zuletzt auch die Erhebung der FH Technikum Wien, wonach zwar 80 Prozent der rund 1300 daran teilnehmenden Studierenden angaben, mit den (neuen) digitalen Anforderungen im Studium gut zurechtgekommen zu sein, aber immerhin jeder Vierte betonte, mit der Umstellung auf Distance Learning weniger zufrieden gewesen zu sein. 85 Prozent der Studierenden erklärten, dass sie die Präsenzlehre an der Hochschule vermissten.
FH Technikum Wien Rektor Schmöllebeck wundert das nicht. „Das bestätigt uns, dass wir eine Präsenz-FH bleiben und keine Fern-FH werden wollen“, betonte er.

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Coronagerecht war auch das Gruppenfoto bei der Veranstaltung „Distance Learning Lessons Learned – FH, PH, PU“.
Vor Ort waren (v.l.n.r.) Hausherr Fritz Schmöllebeck (FH Technikum Wien), Sektionschef Elmar Pichl (BMBWF) und sowie Christian Gerd Krizek, der den Vortrag für die FH Technikum Wien hielt (FH Technikum Wien). Die übrigen Vortragenden schalteten sich digital zu.
(v.l.n.r.) Oben: Elgrid Messner (PH Steiermark), Marion Garaus (Modul Private University Vienna) und Karl Pfeiffer (FH Joanneum);
Unten: Christina Mossböck und Jutta Pauschenwein (ebenfalls FH Joanneum)
Bildcredit: BKA/Christopher Dunker

Links

Präsentationen der Veranstaltung (nicht in barrierefreier Form verfügbar)